Mutter sagt gegen Sylvia D. aus

Weiterer Junge von Sektenchefin gequält

Hanau – Birgit P. bleibt aufrecht und lässt sich nicht beirren. Doch als zwei Passagen vorgelesen werden, in denen ihr Sohn dämonisiert und sein Tod angekündigt wird, kann sie nicht mehr, schluchzt und weint. Und braucht eine Weile, um sich zu fassen. Sektenchefin Sylvia D. fokussiert die Aussteigerin währenddessen weiter, wendet den Blick nicht ab.

Ob es sich bei den Texten um D.s Tagebucheinträge handelt oder von ihrem inzwischen verstorbenen Mann Walter aufgeschriebene Gottesbotschaften, und wann sie verfasst wurden, ist noch unklar. Dass Gott Johannes fast „geholt“ hätte, weil er böse sei, ähnlich wie Jan H., bei dem er den Lebensfaden durchgeschnitten habe, heißt es da zum Beispiel. Und: „Liebe Sylvia, dein Alterchen (so wurde Gott genannt, Anm. d. Red.) geht mit Johannes einen direkten Weg.“

Sektenprozess in Hanau

Am siebten Verhandlungstag im Prozess gegen D. am Landgericht Hanau hat erneut die 1990 ausgestiegene Birgit P. ausgesagt. Zum Auftakt hatte Sylvia D. über ihre Anwälte bestritten, Jan H. am 17. August 1988 ermordet zu haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, sie habe den Vierjährigen in einem Leinensack ersticken lassen, weil sie den Jungen für die Reinkarnation Hitlers hielt.

Wie die Mutter von Jan H. gab auch Birgit P. ihren Sohn in die Obhut der D.s. Auch er sei in einen Sack eingebunden worden, zumindest bis zum Hals. Offenbar deshalb habe er mal Strangulationsmale am Hals gehabt und sei ins Krankenhaus eingeliefert worden. Der dazu passende Eintrag in den Unterlagen der Sekte ist auf den 17.9. 1988 datiert. P. aber geht davon aus, dass der Vorfall früher war und die Notizen womöglich absichtlich anders eingeordnet wurden.

Die 61-Jährige sagte, Sylvia D. habe nach dem Zwischenfall kein Wort des Bedauerns geäußert, im Gegenteil. Später hieß es in der Gruppe demnach, „der Alte“ habe Hand an Johannes gelegt. Die Aussteigerin beschrieb, wie Jan H. mit Schlägen und Schimpftiraden von D. erniedrigt worden sei: „Es ist unerträglich, wenn sie loslegt.“ Einen Eindruck davon gab ein 2016 abgehörtes und mitgeschnittenes Gespräch zwischen Walter und Sylvia B., in dem sie ihn als gemeinen Hund beschimpft und bedroht. Jan „hat keine Freude im Leben gehabt“, am Ende sei er abgemagert und regelrecht „vergreist“ gewesen, erinnert sich P.

Sektenprozess in Hanau

Die 61-Jährige wurde von der Kammer und Oberstaatsanwalt Dominik Mies intensiv vernommen. Den von Anhängern Sylvia D.s geäußerten Vorwurf, sie beteilige sich an einer Hetzkampagne, mit der die Medienfirma der D.s zerstört werden solle, wies P. zurück. Es gehe darum, dass „Gerechtigkeit geschieht“ und andere „gewarnt werden“. Sie sei nicht gleich nach ihrem Ausstieg an die Öffentlichkeit gegangen, weil sie damals eine neue Familie gründete. Diese „wollte ich nicht gefährden“. Zudem wäre ihrer Ansicht nach wohl alles im Keim erstickt worden, weil bis dahin nur wenige ausgestiegen waren und aufklären konnten. Ihren Sohn habe sie nicht früher geschützt, weil sie nicht in der Lage dazu gewesen sei. Daher sei sie auch im Fall von Jan H. nicht eingeschritten. Ihr Selbstvertrauen sei zerstört gewesen.

Sylvia D. habe von ihren Anhängern extreme Sparsamkeit gefordert; sie hätten oft Schimmel aus alten Lebensmitteln schneiden und diese dann essen müssen. „Heute kann ich Schimmelgeschmack im Mund nicht eine Sekunde lang ertragen.“

VON GREGOR HASCHNIK

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