Jede Minute zählt

Welt-Schlaganfall-Tag: Ein Besuch auf der Stroke Unit des Klinikums

Dr. Mario Abruscato, leitender Oberarzt der Neurologie am Klinikum Hanau, bespricht sich mit seinen Assistenzärzten Ahmed Abou Aliaa, Sabrina Schönfelder und Tanja Kurzidim (von links).
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Dr. Mario Abruscato, leitender Oberarzt der Neurologie am Klinikum Hanau, bespricht sich mit seinen Assistenzärzten Ahmed Abou Aliaa, Sabrina Schönfelder und Tanja Kurzidim (von links).

Der Mundwinkel hängt schief nach unten, die Sprache des Patienten ist nur undeutlich – Symptome, die auf einen Schlaganfall hindeuten. Jetzt zählt jede Minute. Denn: „Time is brain“, sagt Dr. Mario Abruscato. Der leitende Oberarzt der Stroke Unit am Klinikum Hanau, einer Station der Neurologie, die sich um Schlaganfallpatienten kümmert, schildert den Weg von Schlaganfallpatienten ins Klinikum.

Hanau – „Alle unsere Rettungssanitäter haben die Nummer unseres speziellen Stroke-Handys, auf dem sie anrufen, um uns über einen möglichen Schlaganfallpatienten zu informieren. Dieser wird dann mit dem Rettungswagen aufs Klinikgelände gebracht, kommt aber nicht in die Notaufnahme – wo möglicherweise wertvolle Zeit verloren ginge – sondern direkt in den Schockraum, der sich gegenüber des Rettungswageneingangs befindet. Dort wartet bereits ein Neurologe.

Noch im Schockraum wird bei dem Patienten eine Computertomographie (CT) vorgenommen. Dadurch stellt der Arzt fest, ob ein Blutgerinnsel oder ein gerissenes Gefäß die Ursache des Schlaganfalls ist und wie stark die Schädigung ist. Abruscato betont: „Je schneller die Erstversorgung und weitere Behandlung, desto größer ist die Chance, bleibende Schäden zu vermeiden oder zu begrenzen.“

Liegt eine Verstopfung in einem Blutgefäß vor, versucht der Arzt diese Verstopfung mit einer medikamentösen Lyse-Therapie aufzulösen, wenn die Symptome nicht älter als 4,5 Stunden sind. Oder das Gerinnsel wird mit einem Katheter abgesaugt, dies erfolgt bei dem Verschluss eines größeren Gefäßes. Im Falle einer Blutung (die bei rund 20 Prozent der Patienten der Grund für den Schlaganfall ist) wird versucht, die Blutung zu stabilisieren; in Ausnahmefällen kann eine Operation nötig sein.

„Bei Hirnblutungen ist es wichtig, in jedem Fall den Blutdruck zu senken“, sagt Abruscato. Je schneller dieser gesenkt werden könne, desto besser komme der Patient aus der Situation heraus.

Auf der Hanauer Schlaganfallstation gibt es zwölf Betten plus drei Überwachungsbetten, zwei Ärzte und Abruscato als Oberarzt arbeiten im Tagdienst, einer im Nachtdienst. Abruscato hat zusammen mit Stationsleiterin Margitta Busse am Klinikum die erste Stroke Unit in Hanau aufgebaut. Seine Patienten werden engmaschig überwacht, jeder einzelne über einen Monitor, den die Pflegekräfte immer im Blick haben. Täglich macht der Oberarzt zwei Visiten.

Vom ersten Tag an bekommen Schlaganfallpatienten auf der Stroke Unit Logo-, Ergo- und Physiotherapie. Denn: Das Gehirn besitzt die Eigenschaft, Fähigkeiten wiederzuerlangen, die durch den Schlaganfall verloren gegangen sind. Zum Teil können benachbarte Hirnareale die Aufgaben von zerstörten Nervenzellen übernehmen.

Abruscato ist ein Experte auf seinem Gebiet, hat in den 90er Jahren auf einer der ersten Stroke Units in Hessen am Klinikum Fulda gearbeitet. In Hanau ist er seit 20 Jahren in dem Bereich tätig. Dass die Stadt Hanau am Klinikum eine überregionale zertifizierte Stroke Unit hat, ist ungewöhnlich. Sonst wird diese Zertifizierung nur an Unikliniken oder Großkrankenhäuser mit neurochirurgischen Hauptabteilungen vergeben.

Die Schlaganfallmedizin hat in den vergangenen Jahren eine enorme Entwicklung gemacht. „Ein Patient, der heute rechtzeitig eingeliefert wird, dem können wir inzwischen meistens gut helfen. Vor zehn Jahren wäre er pflegebedürftig geblieben. Wir sind in Deutschland, was Stroke Units betrifft, sehr gut ausgestattet. Es gibt mehr als 300 zertifizierte Stroke Units bundesweit. Das ist Weltspitze“, so der Oberarzt.

Doch wodurch wird ein Schlaganfall verursacht? Im Fokus stehen vor allem ein unbemerkter Bluthochdruck, Übergewicht, Rauchen, Diabetes, ein zu hoher Cholesterinspiegel sowie eine Thromboseneigung. „Jeder kann selbst etwas dafür tun, um sein Schlaganfallrisiko zu verringern“, sagt Abruscato. So sei es ratsam, den Konsum von Salz einzuschränken. „25 Prozent aller Schlaganfälle sind direkt oder indirekt auf das Rauchen zurückzuführen. Also am besten damit aufhören“, so der Mediziner, der wiederum den Genuss von Kaffee als risikosenkend bewertet. So sorgten 3,5 Tassen täglich für ein bis zu 20 Prozent geringeres Risiko einen Schlaganfall zu bekommen. Der Konsum von möglichst wenig Fleisch und viel Obst und Gemüse, gehört ebenfalls zu den Präventionsmaßnahmen. „Drei mal die Woche mindestens 30 Minuten Sport senken das Schlaganfallrisiko um 30 bis 40 Prozent“, zählt Abruscato weiter auf. Ältere Menschen ab etwa 60 Jahren sind stärker gefährdet. Betroffen sein können aber auch Jüngere – rund zehn Prozent der Schlaganfälle fällt auf Menschen unter 40. „Wir hatten in diesem Jahr zwei jüngere Patienten, die im Rahmen einer Covid-Erkrankung einen Schlaganfall erlitten haben“, so Abruscato. 1000 Patienten jährlich behandelt er insgesamt auf seiner Stroke Unit.

Um die Gefahr zu minimieren, einen weiteren Schlaganfall zu bekommen, unterstützen in Hanau die sogenannten Schlaganfall-Lotsen – Angestellte des Klinikums – Patienten ein Jahr lang. Sie kontaktieren diese regelmäßig, fragen nach deren Gewohnheiten und erinnern daran, regelmäßig den Blutdruck zu kontrollieren. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es dadurch seltener Rückfälle gibt“, sagt Abruscato.

Von Kerstin Biehl

Bei einem Schlaganfall wird ein Blutgefäß im Gehirn durch ein Blutgerinnsel verschlossen – auf dem Monitor sind die Gehirnarterien zu sehen.

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