Entscheidung in Sekunden

Wenn es um Leben und Tod geht: Eine Schicht in der Rettungsleitstelle

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Stefan Fuchs an seinem Arbeitsplatz in der Rettungsleitstelle: Über das Computersystem nimmt er Notrufe entgegen und koordiniert Rettungswagen, Notärzte und Rettungshubschrauber.  

Main-Kinzig-Kreis - Wer zwischen Hanau und Schlüchtern die 112 wählt, kommt in der Rettungsleitstelle des Main-Kinzig-Kreises in Gelnhausen raus. Von hier aus koordinieren Stefan Fuchs und seine Kollegen die Einsätze von Rettungswagen, Notärzten und der Feuerwehr. Ein Job, bei dem es auf Schnelligkeit und höchste Konzentration ankommt. Von Sebastian Schilling

Ein Notruf geht ein, Stefan Fuchs nimmt den Anruf mit einem Mausklick an. Am anderen Ende der Leitung hört er Schmerzensschreie. Ein Mann sagt, er sei mit dem Motorrad gestürzt. Fuchs fragt, wo der Unfall passiert sei und woher die Schmerzen kommen. Der Anrufer kann nur sagen, aus welchem Ort er gerade gekommen sei und in welche Richtung er unterwegs war. Und dass die Schmerzen von den Rippen kommen. Fuchs beruhigt, bald komme Hilfe.

Stefan Fuchs ist Einsatzbearbeiter in der Rettungsleitstelle des Main-Kinzig-Kreises. Beim Telefonat mit dem Motorradfahrer bleibt er ruhig, lässt sich auch von den eindringlichen Schreien des Mannes nicht aus der Ruhe bringen. An seinem Arbeitsplatz hat er sechs Bildschirme vor sich. Auf einem sind die aktuellen Positionen aller verfügbaren Rettungs- und Notarztwagen zu sehen.

Der 34-Jährige sieht, dass ein Rettungswagen, der gerade von einem Einsatz kommt, ganz in der Nähe der mutmaßlichen Unfallstelle ist. Über das Computersystem übermittelt Fuchs die vermutete Unfallstelle. Deren Positionsdaten werden direkt ins Navigationsgerät des Rettungswagens gespielt. Schließlich gibt Fuchs die Einsatzorder auch noch einmal per Funk durch und alarmiert zusätzlich den Notarzt. Zwar haben Rettungsassistenten weitreichende Befugnisse. Medikamente wie Schmerzmittel dürfen sie aber nur bis zu einer bestimmten Dosis verabreichen.

Zum Nachschlagen: In dem Ordner findet der Einsatzbearbeiter unter anderem die Zahlencodes für Verletzungen und Erkrankungen.

Ein anderer Klingelton ertönt. Es handelt sich um einen Hausnotruf. Wird der betätigt, kommen die Anrufer ebenfalls in der Rettungsleitstelle raus. Eine alte Frau meldet sich, ein schrilles Piepen ist im Hintergrund zu hören. „Ist das ein Rauchmelder?“, fragt Fuchs. „Ja“, sagt die Frau. „Aber der ist schon wieder aus.“ Sie koche gerade, vielleicht wurde er dadurch ausgelöst. Fuchs verabschiedet sich. Über jeden Anruf verfasst er ein kurzes Protokoll. Wer hat von wo angerufen, was ist passiert, was wurde daraufhin unternommen? Fuchs arbeitet routiniert und schnell. Für die Eingaben braucht er keine Minute.

„Sie wollen einen Hubschrauber für bauliche Maßnahmen?“, fragt ein Kollege von Fuchs halb ungläubig, halb amüsiert. Jemand hat die 112 gewählt, weil er sein Dach beschichten will und fragen wollte, ob ihm die Feuerwehr dafür einen Hubschrauber schicken kann. „So was kommt öfter vor“, sagt Fuchs.

Gerne werde auch die 112 gewählt, wenn sich Leute ausgesperrt hätten. Dann darf die Feuerwehr aber nur helfen, wenn im Haus oder der Wohnung lebenswichtige Medikamente sind, die der Anrufer dringend nehmen muss. Ansonsten muss das der Schlüsseldienst erledigen. Das passt nicht jedem. „Manche sagen, ich stelle euch auch einen Kasten Bier hin,“ sagt Fuchs. Andere drohten auch. „Zu mir hat mal einer gesagt, dass er einen Termin beim Landrat hat und dass er dafür sorgen wird, dass ich meinen Job verliere. Aber das muss man locker sehen.“

Manche Anrufer würden auch aggressiv, weil sie nicht verstünden, warum ihnen so viele Fragen gestellt werden. Sie wollen, dass einfach sofort jemand geschickt wird. Doch die Einsatzbearbeiter müssen sich so gut es geht ein Bild von der Situation machen. Reicht ein Rettungswagen, muss auch ein Notarzt kommen oder sogar ein Hubschrauber alarmiert werden? Fragen, die Fuchs und seine Kollegen in Sekunden beantworten müssen. Die Einsatzbearbeiter müssen schnell arbeiten, an einem normalen Vormittag können schon mal 25 Einsätze gleichzeitig stattfinden.

Wieder ertönt der Notruf-Klingelton. Eine Frau meldet sich, es sei gerade ein Mann vom Stuhl gekippt. Er habe blutunterlaufene Augen. „Atmet er normal, ist er ansprechbar?“, fragt Fuchs. Im Hintergrund hört man ein Röcheln. Fuchs alarmiert sofort einen Rettungshubschrauber. „Blutunterlaufene Augen, Bewusstlosigkeit und der rasselnde Atem deuten auf eine Blutung im Kopf hin.“ Alle im Kreis verfügbaren Notärzte sind gerade im Einsatz. Deswegen der Hubschrauber – zu dessen Besatzung gehört immer auch ein Notarzt.

Mittlerweile ist Hilfe bei dem verletzten Motorradfahrer eingetroffen. Der Rettungswagen war in fünf Minuten an der Unfallstelle. Der nur kurze Zeit später eingetroffene Notarzt hat ebenfalls einen Hubschrauber angefordert. Der Mann hat mehrere, teils lebensgefährliche Verletzungen erlitten. Er wird nach Fulda geflogen, da ist der nächste freie Schockraum. Auch das sieht Fuchs auf seinen Monitoren. Sobald er den Zahlencode für eine Verletzung oder Erkrankung eingegeben hat, zeigt ihm sein System, welche Krankenhäuser den Patienten jetzt gerade aufnehmen und behandeln können.

So wird ein Welpe zum Rettungshund

Wie kommt man mit der Verantwortung zurecht, täglich Menschen in emotionalen Ausnahmesituationen am Telefon zu haben und Entscheidungen treffen zu müssen, die mitunter über Leben und Tod entscheiden? Fuchs sagt, dass er eigentlich gut abschalten könne. Er ist erfahren, hat selbst jahrelang im Rettungsdienst gearbeitet. Eine Grundvoraussetzung, um Einsatzbearbeiter zu werden. Nur wenn etwas mit Kindern sei, wäre das schwierig. Fuchs hat selbst Kinder. Und manchmal schaue er am nächsten Tag, ob ein Einsatz ein gutes Ende genommen hat.

Mit dem alten Mann, der vom Stuhl gekippt ist, nimmt es leider kein gutes Ende. Er stirbt noch bevor der Rettungshubschrauber eintrifft. Auch das gehört zu diesem Job dazu.

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