Stadtentwicklung

Wenn Verwaltung und Dezernent mauern: 1984 scheiterte ein Projekt eines Bildhauers zur Marktplatzgestaltung

Eine städtebauliche Ödnis, die förmlich nach Gestaltung schreit, war der Neustädter Marktplatz vor 50 Jahren (
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Eine städtebauliche Ödnis, die förmlich nach Gestaltung schreit, war der Neustädter Marktplatz vor 50 Jahren (

Der Marktplatz der Hanauer Neustadt, die von 1597 an im Süden des alten Hanau errichtet wurde, hat neben seiner Funktion als Ort des Handels – den Hanauer Wochenmarkt gibt es dort seit über 400 Jahren zweimal die Woche – auch eine weniger praktische Rolle: Er ist ein Ort der Repräsentation. Er diente gleichermaßen der Zurschaustellung eines landesherrlichen Repräsentationsbedürfnisses wie der Selbstvergewisserung der Stadtgesellschaft.

Hanau – Als die Städte, wie auch wie Hanauer Neustadt, noch mit Mauern umgeben wurden, galt es mit dem Platz hinter diesen sparsam umzugehen. Je größer die Plätze, desto länger die umgebenden Festungswälle und umso teurer war deren Bau. Die Väter der Hanauer Neustadt ließen es sich also etwas kosten, einen großen, repräsentativen Marktplatz inmitten ihrer Stadt zu wissen. Der Platz ist also ein Erbe, mit dem man umzugehen hat.

Bis in die gut 360 Jahre änderte sich nichts an Dimension und Proportion des Neustädter Marktplatzes. Mitte der 1960er Jahre wurde der Platz mit einer Tiefgarage ausgestattet. Eine erste Randbebauung an seiner Westseite war zwar nicht unumstritten, doch veränderte sie dadurch das Gesamtbild kaum: Hanaus zentraler Stadtplatz behielt seine imposante Weite.

20 Jahre später war indes die Marktplatz-Oberfläche marode geworden, denn das einstige jahrhundertealte Pflaster hatte man durch Betonstein ersetzt. 1983 stand deshalb eine grundlegende Erneuerung des Platzbelags an, verbunden mit Baumaßnahmen zur Verbesserung der Zufahrt zur Tiefgarage und einer längst überfälligen Restaurierung des Brüder-Grimm-Denkmals. Weil es gerade so in Mode kam, propagierte die Stadt eine „Bürgerbeteiligung“ bei der Gestaltung, sprich: In der Presse und in einer äußerst sparsamen Ausstellung wurden die Pläne der Bauverwaltung vorgestellt. Deren Kreativität beschränkte sich allerdings auf mehr oder weniger variierte Betonstein-Verlegungsmuster; die Bürgerbeteiligung hielt sich in Grenzen.

Schließlich wurden farbig abgesetzte Diagonalen über den Platz als „große Lösung“ in den Ausschüssen präsentiert. Kurz bevor es im Mai 1984 zur entscheidenden Abstimmung kam, wurde jedoch öffentlich, dass es neben der Betonstein-Lösung auch einen künstlerischen Entwurf für die Oberflächengestaltung gab. Nur hatten die Pläne des Hanauer Bildhauers Claus Bury monatelang in den Schubladen der Bauverwaltung geschlummert.

Bury, damals bereits ein international beachteter Künstler, wollte den Stadtgrundriss, wie er in Stichen des 17. Jahrhunderts überliefert ist, in Naturstein in die Markplatzoberfläche einlassen und so „Stadtgeschichte begeh- und erlebbar“ machen. Allerdings zu Kosten von rund einer Million Mark.

Die Pläne stießen auf ein geteiltes Echo. Die damals gerade zaghaft aufblühende städtische Kulturszene war angetan bis begeistert, auch aus dem Historischen Museum kamen positive Signale. Doch dann schlug die Stunde der Bedenkenträger: Was, wenn da jemand mit dem Absatz in dem Relief hängenbliebe? Und wie war es um die Standsicherheit der Markstände bestellt? Und käme dann dort die Stadtreinigung mit ihren Kehrmaschinen noch zurecht? Und erst die Kosten!

In der einer Sitzung des Struktur- und Umweltausschusses am 17. Mai 1984 fielen schließlich die Würfel zugunsten der Planung der Bauverwaltung. Zwar wurde im Ausschuss die plötzliche Eile kritisiert. Man habe je gar keine Möglichkeit gehabt, die Pläne Burys zu studieren und sich erläutern zu lassen, kritisierte der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende und spätere Kulturdezernent Klaus Remer.

Doch sein Parteifreund, der Ausschussvorsitzende Heinrich Mitterer, schlug sich auf die Seite der Gegner aus CDU und FDP, die damals in einer Koalition mit einer Stimme Mehrheit vereint waren. In der SPD-Fraktion gab es starke Tendenzen zugunsten des Bury-Entwurfs: Es dürften eben nicht allein funktio- nale Fragen den Ausschlag geben, wenn es um die „Visitenkarte der Stadt“ gehe, so der Tenor.

Am 25. Mai befasste sich das Stadtparlament mit der Sache. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Norbert Kress, nachmaliger Finanzdezernent der Stadt und berüchtigt wegen seiner Kulturferne, schwadronierte vor dem Plenum über den „langwierigen und schwierigen Entscheidungsprozess“, lobte Burys Entwurf gar als „eine faszinierende Idee“ und schlug allen Ernstes vor, die Sache doch einer Nummer kleiner, so etwa zwei mal zwei Meter, im Hof des Rathauses zu verwirklichen.

Dann stellte sich zu allem Überfluss auch noch heraus, dass FDP-Stadtbaurat Axel Gleue seinerseits einen Entwurf eines Künstlers in der Hinterhand hatte. Freilich seien die Positionen der beiden Künstler total gegensätzlich. Und nun auch noch Burys Pläne im Ausschuss zu diskutieren, hätte dessen Arbeit „nur unnötig befrachtet“, sagte er. Keine Wunder, dass da selbst der der CDU-Stadtverordnete Johannes Steubner meinte, die Sache habe „komische Formen“ angenommen.

Der Appell des seinerzeitigen Kesselstädter SPD-Schwergewichts Michael Goebler an die Versammlung: „Noch ist etwas zu reparieren!“ verhallte ungehört, auch Klaus Remer mahnte eine Zurückstellung der Entscheidung an, denn man brauche „eine Lösung, mit der wir auch in zehn Jahren noch zufrieden sein können!“. Doch es wurde die Marktplatz-Bepflasterung mit Betonsteinen und diagonaler Wegführung mit 30 zu 27 Stimmen beschlossen.

Claus Bury war 1984 geradezu klassisch verladen worden; er hätte allen Grund gehabt, sich von Hanau zu verabschieden. Doch wie die Geschichte zeigt, waren Burys Bindung an Hanau und die Herausforderungen immer wieder neuer Aufgaben für Objekte im öffentlichen Raum stärker.

Hinzu kam eine seit den 1990er Jahren unter dem Dezernat Klaus Remers deutlich veränderte kulturelle Atmosphäre in Hanau. Über die Jahre war die Sache mit dem Stadtrelief von 1684 in Vergessenheit geraten.

Erst der Stadtumbau der letzten Dekade hat das Projekt wieder ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. Dauerhaft – und nicht minder prominent platziert zu Füßen des Denkmals des Neustadtgründers Graf Philipp Ludwig an der Französischen Allee.

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