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WIE BUNT IST HANAU? Hagen Kopp ist Mitbegründer von Watch the Med

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Mit spektakulären Aktionen, wie hier in Frankfurt, machen die Seenotretter immer wieder auf das Schicksal von Flüchtlingen aufmerksam.
Mit spektakulären Aktionen, wie hier in Frankfurt, machen die Seenotretter immer wieder auf das Schicksal von Flüchtlingen aufmerksam. © privat

00 334 86 51 71 61 – das sind nicht die Lottozahlen vom Wochenende, aber vielleicht doch der Schlüssel zu einem besseren Leben. Die Telefonnummer gehört der Organisation Watch the Med Alarm Phone, also „Schau aufs Mittelmeer“ – dorthin, wo fast täglich Menschen sterben. Flüchtende in Not sollen über diese Nummer ihre Position mitteilen, damit Besatzungen von Schiffen in der Nähe sie aufnehmen können.

Hanau – Doch das ist nur eine Form der Hilfe von Watch the Med. Der Hanauer Hagen Kopp (61) ist beruflich in einem Teilelager in Frankfurt tätig. Privat gehört er zu den Mitgründern des Alarm Phones, für das sich in der Grimm-Stadt seit 2014 fünf Personen engagieren, drei im Schichtdienst. Sie sind Teil eines Netzwerks von 200 Aktiven in zahlreichen Städten von London, Berlin, Kopenhagen und Amsterdam über Zürich, Barcelona und Palermo bis Tunis, Tanger und Dakar.

„Wir arbeiten im Acht-Stunden-Wechsel mit Alarmplänen“, erläutert Kopp. Vor allem auf drei Regionen des Mittelmeers richten sie rund um die Uhr ihre Aufmerksamkeit: In der türkisch-griechischen Grenzregion mit ihren Inseln könne man über ein Handynetz recht einfach Notrufe absetzen. Auch in der Straße von Gibraltar funktioniere das, „aber nicht bei den Kanaren oder wenn du aus Libyen oder Tunesien versuchst, Malta oder die italienischen Inseln Lampedusa und Sizilien zu erreichen.“

Wenn die Phone-Teams auf afrikanischem Boden Kontakt zu Gruppen knüpfen können, die sich nicht von einer waghalsigen Flucht abhalten lassen, mahnen sie, das Wichtigste mitzunehmen: Ein Thuraya-Satelliten-Telefon, um vom Boot aus die Position mitteilen zu können, Trinkwasser, Rettungswesten und den Wetterbericht. „Diese Telefone können wir von überall aus aufladen, um in Kontakt zu bleiben“, schildert der Hanauer eine weitere Aufgabe.

„Zwischen Tripoli und der Grenze zu Tunesien fahren die meisten los“, wissen die Retter. Sie können mit der Angabe von Breiten- und Längengrad, die das Satellitenkommunikationsnetz anzeigt, exakt die Position der Anrufer erkennen. Das Meer ist in internationale Search-and-Rescue-Zones, Such- und Rettungszonen, eingeteilt, wobei Malta ein sehr großes Hoheitsgebiet beansprucht.

„Darin bewegen sich viele der kleinen Boote“, verdeutlicht der Sprecher, „aber Schiffbrüchige werden von maltesischen Schiffen nicht aufgenommen“. Dabei seien Küstenwachen genau zu diesem Zweck eingerichtet, unterstreicht Kopp die Paradoxie. „Die wollen keine Leute mehr aufnehmen, die dann in Europa verteilt werden müssten.“ Stattdessen versuche Malta über Geheimabkommen mit anderen Staaten Flüchtende abzuweisen.

„Pushback“ (Zurückdrängen) lautet das Fachwort. „Die europäischen Grenztruppen Frontex arbeiten mit Drohnen, die Daten von Geflohenen an die Libyer weitergeben, die sie dann mit Militärgewalt zurückholen. Das ist definitiv illegal“, sagt der Aktivist. „Die Länder geben das zu, trotzdem wird es jeden Tag praktiziert“. Das gelte gleichsam für die Ägäis und für Kroatien, wo ebenfalls das Recht auf einen Asylantrag mit Füßen getreten werde.

Mitglieder von Alarm Phone wollen Öffentlichkeit schaffen, schreiben über soziale Netzwerke Journalisten an. Auch die Kirchen werden alarmiert, „Papst Franziskus unterstützt uns sehr“, betont Kopp. Alle üben Druck auf die Verantwortlichen aus, „ihr müsst das Boot retten“. In sieben Jahren habe die Initiative so Menschen aus 4200 Booten in einen sicheren Hafen gelotst. „Oft sitzen zwischen 60 und 110 Personen in einem Schlauchboot, Doppeldecker-Modelle sind sehr gefährlich, weil sie bis zu 400 Leute befördern und leicht kentern.“

„Die Todesrate ist hoch, aber die Frauen und Männer lassen sich nicht von den Risiken abschrecken“, zeigt Kopp auf, wie entschlossen und verzweifelt die Flüchtlinge sind. Hagen Kopp und seine Mitstreiter appellieren für sichere Routen, damit die Menschen „nicht in kleinen Booten nachts ihr Leben aufs Spiel setzen“. Bei einem legalen Zugang zum Asylverfahren gäbe es keine Schlepper mehr, „wir sind für ein offenes Europa“.

Der Hanauer vermutet, „viele würden dann kommen, aber auch wieder zurückkehren“. Jeder habe ein „Recht auf ein besseres Leben“, unterstreicht der 61-Jährige, obendrein würden in Europa zahllose Arbeitskräfte gebraucht. Für die todbringende, staatliche Abweisung auf hoher See möchte er die Regierenden wegen „Border Crimes“, unterlassener Hilfeleistung, zur Rechenschaft ziehen lassen. „Klagen sind total wichtig, um uns überflüssig zu machen.“

Kopp reist in diesen Tagen wieder nach Malta, um Geflüchtete mithilfe von Anwälten aus dem Gefängnis zu holen. Gut erinnert er sich an das Jahr 2013, als ihnen die Situation der Migranten bewusst geworden ist. Familien aus Eritrea, Somalia und Äthiopien haben an Main und Kinzig eine neue Heimat gefunden. Einige sollten nach Italien zurückgeschickt werden, so kämpften die Unterstützer für „Lampedusa in Hanau“, damit die Betroffenen hierbleiben dürfen.

Das Alarm-Phone-Team erhielt vor einem Jahr den Menschenrechtspreis von Pro Asyl. „Wir sind ein Element in einer Kette der Solidarität“, sagt Kopp – und mit einem Grinsen: „Ex-Heimatminister Seehofer wollte die Zuwanderung auf 200 000 Personen pro Jahr begrenzen – so viele waren es fast nie“, 121 500 im vergangenen Jahr. Dazu haben mehr als 200 Städte ihre Bereitschaft erklärt, weitere Migranten aufzunehmen. Hanau noch nicht. „Es gibt jedenfalls kein Argument, Menschen auf dem Meer ertrinken zu lassen.“

Infos im Internet

watchthemed.net

Von Michael Prochnow

Der Hanauer Hagen Kopp gehört zu den Gründern von Watch the Med.
Der Hanauer Hagen Kopp gehört zu den Gründern von Watch the Med. © -

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