Corona-Pandemie

Wie die verkürzte Kita-Öffnungszeit eine Alleinerziehende in Schwierigkeiten bringt

Vor verschlossenen Türen – So wie diesem Mann, der vor einem geschlossenen Kindergarten steht, geht es manchen Eltern derzeit. Sie müssen ihr (Berufs-)Leben an die geänderten Öffnungszeiten anpassen
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Vor verschlossenen Türen – So wie diesem Mann, der vor einem geschlossenen Kindergarten steht, geht es manchen Eltern derzeit. Sie müssen ihr (Berufs-)Leben an die geänderten Öffnungszeiten anpassen

Aufgrund der Corona-Pandemie haben die Kindertagesstätten ihre Öffnungszeiten verkürzt. Das stellt berufstätige Eltern vor große Probleme. Wir haben mit einer Alleinerziehenden Mutter gesprochen, die im Hanauer Krankenhaus arbeitet.

Hanau/Bruchköbel – Die Schicht von Tatjana Goebel beginnt um 6 Uhr morgens. Dann muss die 30-Jährige ihren Dienst als Krankenschwester im Hanauer St.-Vinzenz-Krankenhaus antreten. Ihre sechsjährige Tochter schläft um diese Zeit noch. Doch nicht daheim. Wenn Mama Tatjana Frühschicht hat, übernachtet Liyah bei der Oma – und wird von dieser in die Kita gebracht. Um 7.30 Uhr. Zeitlich ist dann alles genau durchgetaktet. Denn um 8 Uhr muss Oma selbst auf der Arbeit sein.

Normalerweise ein praktikabler Plan, der aufgrund des guten Familienzusammenhalts funktioniert. Doch seit vergangener Woche geht er nicht mehr auf. „Super-GAU“, nennt Goebel die Szenerie, mit der sie wegen der neuen Corona-Regeln jonglieren muss.

Fehlende Notbetreuung das größte Problem

Die Bruchköbelerin zieht ihre Tochter alleine groß. Liyah besucht die Kita Regenbogen, einen Kindergarten in Trägerschaft der evangelischen Kirchengemeinde. „Im ersten Lockdown hat dort alles super funktioniert. Es gab eine Notbetreuung. Jetzt gibt es nichts. Die Kita macht erst um 8 Uhr auf. Für uns eine halbe Stunde zu spät. Doch genau diese halbe Stunde ist für uns so enorm wichtig“, erzählt die junge Mutter.

Der Kita-Leitung hat sie das Problem geschildert. „Ich habe von dort kein Lösungsangebot bekommen. Ganz anders als beim ersten Lockdown“, bedauert Goebel. Weil sie als Krankenschwester in einem systemrelevanten Beruf arbeitet, hatte sie damals Anspruch auf einen Betreuungsplatz – zu den normalen Öffnungszeiten. „Da war Liyah das einzige Kind im Kindergarten. Und es war damals gar kein Problem, sie auch schon um halb acht zu betreuen. Der Kindergarten war quasi nur für Liyah geöffnet“, blickt die Mutter zurück.

Kita-Träger bestimmen über Öffnungszeiten

Jetzt aber sei sie von der Kita „total abgewimmelt worden mit dem Verweis, die Öffnungszeiten seien eine Vorgabe des Gesundheitsamts. „Sie sind gar nicht auf mich eingegangen und sagten, sie könnten ja nichts dafür.“

Goebel fragte beim Gesundheitsamt nach und wurde dort eines Besseren belehrt: der jeweilige Kita-Träger sei für die Öffnungszeiten zuständig. Auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigt dies die Kreispressestelle. Vorgaben zu den Öffnungszeiten gebe es aus dem Landratsamt nicht, heißt es von dort.

Arbeitgeber zeigt Verständnis für Situation

„Ich finde das sehr seltsam und kann diese Falschinfo durch die Kita nicht verstehen“, so Goebel, die nun ziemlich ratlos dasteht. Denn damit nicht genug. Nun sitzt auch noch die Mutter von Tatjana Goebel, die Oma der kleinen Liyah, in Corona-Quarantäne. „Auf sie können wir im Moment also auch nicht zurückgreifen. Deshalb ist es für mich wirklich schwierig zur Zeit.“

Der jungen Mutter blieb nichts anderes übrig, als das Gespräch mit ihrem Arbeitgeber zu suchen. „Ich habe darum gebeten, vorerst keinen Frühdienst mehr machen zu müssen.“ Die Stationsleiterin habe zum Glück sehr verständnisvoll reagiert. „Sie fand es auch gut, dass ich mich in dieser Situation nicht einfach krank gemeldet habe“, erzählt Goebel.

Krankenpflegerin wird dringend benötigt

Der komplette Dienstplan habe umgeschrieben werden müssen. Mit vielen Minusstunden und der großen Hilfe, keinen Frühdienst mehr machen zu müssen, hofft die junge Mutter nun, die kommenden Wochen überbrücken zu können. „Ich weiß natürlich nicht, wie lange die Stationsleitung und meine Kollegen das mitmachen.“ Dankbar sei sie ihrem Team, dass es das überhaupt ermögliche.

Zusätzlich verschärft werde die Situation dadurch, dass gerade jetzt im Krankenhaus jeder dringend gebraucht werde. Auch auf der Säuglingsstation, auf der Goebel arbeitet. Denn jetzt kommen die ersten ‘Corona-Babys’ zur Welt, diejenigen, die während des ersten Lockdowns gezeugt wurden. „Wir haben richtig viel zu tun“, so Goebel. „Das alles ist einfach unfair. Ich bin ohnehin schon alleinerziehend. Und bekomme jetzt noch zusätzlich Steine in den Weg gelegt. Es muss doch möglich sein, eine Erzieherin eine halbe Stunde früher in den Kindergarten zu setzen.“

Kita muss wegen Corona-Maßnahmen Personal einsparen

Warum dies nicht möglich ist, wollte der HA vom Träger der Kita Regenbogen, der evangelischen Kirche Bruchköbel, wissen. Pfarrer Dr. Martin Abraham antwortet: „Unsere Kita ist normalerweise von 7.30 bis 16.30 Uhr geöffnet, wobei die Kernzeit um 8 Uhr beginnt. Die halbe Stunde Frühdienst kann für einzelne Kinder extra gebucht werden, ebenso wie die Betreuungszeiten nach 13.30 Uhr und nach 15 Uhr. Während dieser Zeiten werden Kinder, die ansonsten zu den vier verschiedenen Stammgruppen gehören, gemeinsam betreut. Im Zuge der allgemeinen Einschränkungen wurde uns vom Main-Kinzig-Kreis dringend empfohlen, ab Anfang November eine Vermischung der Kinder aus verschiedenen Gruppen zu vermeiden. So muss bei einem etwaigen Corona-Fall in einer Gruppe nicht gleich die gesamte Kita schließen.“

„Wir haben daher die halbe Stunde Frühdienst und die anderthalb Stunden Spätdienst gestrichen und öffnen die Kita nun noch von 8 bis 15 Uhr. Das eingesparte Personal brauchen wir, um innerhalb dieser sieben Stunden eine durchgehende Gruppentrennung gewährleisten zu können. Den Dienstplan entsprechend neu zu gestalten, bedeutet für Leitung und Team einiges an Aufwand und Flexibilität. Für die verkürzten Zeiten erhalten die Eltern den entsprechenden finanziellen Ausgleich.“

Elternbeirat und Eltern mit verkürzten Öffnungszeiten einverstanden

Der Elternbeirat der Kita habe sich ausdrücklich hinter diese Maßnahmen gestellt, die der allgemeinen Risikovorsorge dienten. In der Kita werden 90 Kindern betreut. Lediglich eine Mutter habe sich über die verkürzten Öffnungszeiten beschwert. „Ich habe Verständnis dafür, dass gerade alleinerziehende Eltern zur Zeit in einer stressigen Situation sind“, so Abraham, der bedauert, dass die Mutter nicht direkt mit ihm Kontakt aufgenommen hat.

Die Kürzung der Betreuungszeiten sei in Abstimmung mit den städtischen Kitas in Bruchköbel erfolgt. „Meines Wissens gibt es eine Kita, die weiterhin vor acht Uhr beginnt. Wenn die betreffende Mutter ihr Kind dorthin bringen möchte und dort ein Platz frei wäre, könnte prinzipiell über eine gemeinsame Lösung gesprochen werden. Für eine halbe Stunde allein ist das allerdings wenig realistisch. Ein grundsätzlicher Wechsel der Kita steht allen Eltern jederzeit frei“, sagt der Pfarrer.

Praktikabler erscheint Abraham aber der Weg, den die Mutter nun ohnehin gegangen ist, nämlich das Gespräch mit dem Arbeitgeber zu suchen. Sein Angebot: „Ich bin gerne bereit, die Mutter durch eine Stellungnahme zu unterstützen.“

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