Interview mit Wildpark-Biologin Marion Ebel

„Wölfe riechen fantastisch“

+
Seit 25 Jahren ist Dr. Marion Ebel im Klein-Auheim Wildpark tätig. Sie ist das Gesicht des Tierparks und als Wolfsmutter bekannt.

Klein-Auheim – Kaum kommt Dr. Marion Ebel, Wildparkbiologin in der Alten Fasanerie in Klein-Auheim, ans Gehege von Inuq, Aslan und Monja, fangen die drei Polarwölfe an, freudig mit den Ruten zu wedeln. Aufgeregt kommen sie an den Eingang.

Es scheint, als könnten sie es kaum abwarten, sich die täglichen Streicheleinheiten von ihrer Wolfsmutter abzuholen. Ebel weiß genau, wie die Wölfe ticken - kein Wunder, im Wildpark arbeitet sie seit 25 Jahren, seit 15 Jahren hat sie eigene Wolfsrudel, aufgezogen mit der Hand.

Frau Ebel, hat man Ihnen als Kind zu oft „Rotkäppchen und der Wolf“ vorgelesen?

(Lacht) Ich glaube, dass meine Verbundenheit zum Wolf daher rührt, dass wir immer Hunde zuhause hatten. An das Märchen vom Rotkäppchen habe ich nie so recht geglaubt. Ich wusste ja, dass der Hund vom Wolf abstammt. Und zu unserem Collie hatte ich eine sehr gute Beziehung. Er war meine große Liebe. Ich wollte schon immer ein eigenes Wolfsrudel. Und der Menschheit zeigen, dass der Wolf nicht böse ist.

Wildpark-Besucher werden seit Kurzem von der Wölfin Ayla empfangen. Sie ist 2017 verstorben und steht als Tierpräparat am Eingang. Zusammen mit Scott und Khan war es die erste Wölfin, die sie mit der Flasche großgezogen haben. Mit welchem Gefühl gehen sie da vorbei?

Ich wollte, dass sie präpariert wird. Diese Wölfin musste einfach zurück in den Tierpark. Ich konnte sie nicht abgeben an ein Museum oder Institut. Auch nicht begraben. Ich habe Ayla so gut es ging betreut in diesen 13 Jahren, in denen sie gelebt hat. Es war ein harter Moment, als sie gestorben ist. Ayla war die Wölfin, die mit mir auf Knopfdruck geheult hat. Wölfe heulen aus Sympathie gemeinsam. Wir waren uns so sympathisch, wie sich kaum ein Mensch und ein Wolf sympathisch sein können.

Wie riecht eigentlich ein Wolf?

Fantastisch. Ein Hund stinkt ja, wenn es nass ist. Das passiert bei einem Wolf nicht. Er riecht auch nicht streng wie andere Wildtiere. Im Gegenteil. Es ist ein sanfter Geruch. Sehr angenehm. Man kann seine Nase richtig im Fell vergraben und kuscheln.

Mögen Sie Wölfe und generell Tiere lieber als Menschen?

Ich finde es einfacher, mit Tieren zu kommunizieren. Weil es direkter ist. Ich selber bin auch ein sehr direkter Mensch. Und diese Direktheit ist beim Wolf einmalig. Er entblättert seine Seele. Er weiß genau, wie sie darauf sind. Und er zeigt ihnen auch, wie er selbst drauf ist. Deshalb bin ich gerne mit Tieren zusammen. Und es war mir irgendwie immer klar, dass ich lieber Wölfe großziehe als Kinder. Ich war mir immer sicher, dass ich das besser kann als andere.

Der Wolf ist zurück in deutschen Wäldern. Können wir ohne Angst in den Wald gehen?

Das können wir. Aber wir sind jetzt nicht mehr diejenigen, die mitten im Wald stehen. Der Wolf kann sich von dem ernähren, was wir hier haben. Und der Jäger ist plötzlich nicht mehr Herr im Haus. Denn nun ist einer da, der kann noch besser zeigen, wie es geht. Allerdings sehen wir ihn nicht. Waldbesucher müssen überhaupt keine Angst haben. Wir haben in Deutschland mittlerweile viele Wölfe, aber die wenigsten von uns haben einen zu Gesicht bekommen und wenn, dann ist der Wolf meistens mehr überrascht als der Mensch.

Haben Sie ein Lieblingstier, außer dem Wolf?

Ich mag Ziegen. Sie sind sehr anspruchslose Tiere. Die Ziege ist mit allem zufrieden. Sie isst sehr gerne, so wie ich auch, ist nicht wählerisch und immer freundlich. Manchmal vielleicht ein bisschen aufdringlich, aber nie bösartig.

Halten Sie privat Tiere?

Ich habe einen Hund. Eine Mischung zwischen Border Collie und Cattle Dog. Sein Name ist Schröder. Er ist schon 15 Jahre alt. Ich hatte schon immer Hunde.

Wolfsheulnacht im Wildpark

Die Liebe zu Tieren, rührt die aus Ihrer Kindheit?

Ja, das kommt vor allen Dingen von meiner Mutter. Die war auch tierlieb und fürsorglich. Es war bei uns immer klar, dass die Hunde zuerst ihr Fressen bekommen und dass sich um Tiere gekümmert wird, da man Verantwortung übernimmt.

Was sagt Ihr Umfeld zu Ihrem Job und zu der Tatsache, dass sie in der prägenden Phase zehn Wochen ununterbrochen mit den Wolfswelpen gemeinsam gelebt haben?

Meinem damaligen Partner war klar, dass, wenn ich ein Rudel bekomme, ich die Wölfe großziehe und er in der Zeit zurücksteckt. Das war okay. Auch meine Bekannten und meine Freunde wussten, dass das das ist, was ich machen will. Vielleicht haben manche mit dem Kopf geschüttelt, aber sie haben es akzeptiert. Manche haben natürlich bedauert, dass ich diese drei Monate nicht ansprechbar war. Aber ich bin ja auch wieder gekommen.

Was lieben Sie am Klein-Auheimer Wildpark?

Ich schätze die Größe. Wir müssen hier, im Gegensatz zu einem Zoo, mit dem Platz nicht sparen. Tiere brauchen Bewegungsfreiheit. Angesichts unseres Rotwildgeheges kann man mit der Zunge schnalzen. Wir haben in den 25 Jahren jedes Gehege für die Tiere verbessert. Wir haben die Attraktionen, die wir hatten, in ein besseres Licht gestellt. Was ich auch schätze ist, dass ich viel Freiraum in meiner Arbeit hatte und habe. Ich habe hier so viele verschiedene Aufgaben. Zum Beispiel das Wolfsheulen, das kommt so gut an. Es ist einfach schön zu merken, wenn man feststellt, man hat aufs richtige Pferd gesetzt. Die Wölfe sind einfach das Highlight des Wildparks.

Wenn Sie im Urlaub sind, merken die Tiere das?

Wegen den Wölfen bin ich zehn Jahre nicht in Urlaub gefahren. Einmal habe ich es dann gemacht, da waren sie schon etwas knottrig. Das ist wie bei einem Hund. Der ist auch sauer, wenn du wegfährst und ihn zurück lässt.

Was war das Beeindruckendste, das Sie in Ihrer Zeit im Wildpark erlebt haben?

Das waren Wilmar und Walle. Zwei Elche, die ich aus Schweden geholt habe. In einer Cargomaschine habe ich mit ihnen im Frachtraum gestanden und hatte eine Jacke mit dem Geruch des Elch-Papas an, der sie von Hand aufgezogen hat. Ich werde die Ankunft hier im Wildpark nie vergessen. Die Rampe des Transporters wurde heruntergeklappt und ich stand da, im Schneegestöber mit zwei riesigen Elchen am Strick.

Bestimmt gab es auch traurige Momente...

Die gibt es in einem Wildpark leider immer wieder, wenn man von einem Tier Abschied nehmen muss. Vor allem, wenn es zu früh stirbt. Und wenn es sich quält.

Wenn Sie nicht im Wildpark arbeiten würden, was würden Sie machen?

Wenn ich Geld hätte, hätte ich vielleicht mein eigenes Wildtier-Gehege. Auch Spaß gemacht hätte es mir wahrscheinlich, an die Börse zu gehen (lacht). Vermutlich wäre ich aber durchs Zocken schon dreimal ruiniert.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie im Wildpark realisieren?

Ich würde gerne den europäischen Ziesel hier reinbringen, eine Art Erdmännchen. Und Feldhamster hätte ich auch gerne.

Das Gespräch führte Kerstin Biehl.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare