Jahrestag in Wilhelmsbad

Kutsche mit Panoramablick beim Karussellfest

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Nicht nur Bayreuth hat einen grünen Hügel, sondern auch Hanau. Das dortige historische Wilhelmsbader Karussell wurde am Samstagabend einmal mehr zum Publikumsmagneten.

Hanau - Es dreht sich nicht nur um sich selbst. Vielmehr drehte sich am Samstag in Wilhelmsbad praktisch alles ums historische Karussell. Von Oliver Klemt 

Zwar gab es bei der ersten langen Karussellnacht auch Erquickliches für Leib und Magen und dazu reichlich Gelegenheit für Spaziergänge durch den sommerlichen Park. Besuchermagnet blieb indessen das weltweit einmalige Kleinod, dessen Renaissance so lange auf sich warten ließ. Für Franz Ott, einen von 250 engagierten Förderern der vor mehr als 18 Jahren angestoßenen Restaurierung, ist der 22. Juli so was wie ein zweiter Geburtstag im Jahr. Auf den Tag genau zwölf Monate vor der jetzigen Karussellnacht hatte der Förderverein, der mit Spenden und Veranstaltungserlösen maßgeblich die insgesamt 4,1 Millionen Euro teure Sanierung ermöglicht, hatte, die Wiederinbetriebnahme feiern können. Ott und die anderen Vereinsmitglieder um den Vorsitzenden Stefan Bahn haben so viel Zeit, Arbeit und Herzblut investiert, dass sie jetzt, nach vollbrachter Tat, unmöglich aufhören können. „Die Instandhaltung kostet einen Haufen Geld“, sagt Alexander Hollenbach, der an der Kasse Fahrkarten wie am Fließband verkauft. Vier Euro zahlt ein Erwachsener, zwei Euro ein Kind für fünf Minuten Kutschenpartie mit Panoramablick über die Parklandschaft. Am frühen Abend sind die vier prunkvollen, sorgfältig restaurierten Wagen bei jedem Umlauf besetzt. Scheinbar bespannt mit je vier kunstvollen Holzpferden, fasst jede Kutsche bis zu zwölf Fahrgäste

Ihre Runden zieht die Kutschenkarawane gemächlich, kaum schneller als im Schritttempo. Das fördert nicht nur den Genuss beim Betrachten der einst hochherrschaftlichen Umgebung, es schont auch die mühevoll instandgesetzte Mechanik. Für den Antrieb sorgen drei Elektromotoren mit zusammen 20 PS. Als sich Erbprinz Wilhelm I. von Hessen, der das Karussell um 1780 von Baumeister Franz Ludwig Cancrin errichten ließ, mit seinen adeligen Gästen darauf vergnügte, wurde es mit Muskelkraft betrieben. Zwei Männer mühten sich seinerzeit in der Kaverne unter der Kuppel ab, die am Samstag besichtigt werden konnte. Später dann, im frühen 20. Jahrhundert, war ein einzelner E-Motor am Werk, der seine Last mit dem zu dieser Zeit schon altersbedingt abgesackten Innen-Rondell des Bauwerks hatte.

Bilder: Karussellfest in Hanau

Dass sich das Pferdekarussell noch einmal in Bewegung setzen und als ältestes funktionsfähiges Objekt seiner Art gar zu einem weltweiten Unikat avancieren würde, hätte nach dem Zweiten Weltkrieg wohl niemand geglaubt. Nicht nur der Zahn der Zeit, auch eine in der Nähe detonierte Fliegerbombe hatte die Statik aus dem Lot gebracht und das Karussell-Schicksal scheinbar besiegelt. Ernsthafte Bemühungen um eine Restaurierung begannen 1998 mit der Gründung des Fördervereins. Sechs Jahre währte schließlich die vor einem Jahr beendete Sanierung des einzigartigen Karussells.

Sein faszinierender Hintergrund machte das Karussell am Samstagabend für Besucher jeden Alters und besonders für Familien interessant. Sechs Stunden lang herrschte stetig Betrieb. Selbst einige Regenschauer konnten den Andrang kaum bremsen. Zufriedene Gesichter gab es beim Förderverein, der die Kutschen laut Hollenbach bis zu zwölfmal jährlich fahren lassen will. Wieder drehen wird sich das Karussell beim Federweißenfest am 3. Oktober und beim Martinsfest am 11. und 12. November.

Bilder: Historisches Wilhelmsbader Karussell

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