Aufklärung und politische Bildung

„Wir müssen wachsam bleiben“: Hanauer erforschen das Schicksal jüdischer Juristen nach 1933

Engagierte Hanauer: Gabriele Lüdecke-Eisenberg und ihr Mann Gerhard Lüdecke bekamen 2017 für ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe von Pfarrer Otto Löber (links) sowie Propst Bernd Böttner den Christiane-Braeunlich-Preis überreicht. 
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Engagierte Hanauer: Gabriele Lüdecke-Eisenberg und ihr Mann Gerhard Lüdecke bekamen 2017 für ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe von Pfarrer Otto Löber (links) sowie Propst Bernd Böttner den Christiane-Braeunlich-Preis überreicht. Archiv

Das Thema treibt Gerhard Lüdecke und seine Frau Gabriele Lüdecke-Eisenberg schon seit Jahrzehnten um und ist durch die derzeitigen politischen Ereignisse wieder ganz aktuell. Der ehemalige Richter erforscht die Geschichte jüdischer Juristen in Hanau nach 1933.

Hanau – Ihm ist unter anderem zu verdanken, dass 2017 eine Gedenktafel im Landgericht angebracht wurde, auf der die Namen verfolgter und ermordeter Hanauer Juristen zu lesen sind. Namen wie Leo Koref, dem Rechtsanwalt und Notar, der in Theresienstadt ermordet wurde oder von Landgerichtspräsident Felix Lesser, der das KZ Theresienstadt überlebte und nach Hanau zurückkehrte.

Attacken auf Politiker beunruhigen die Historiker

Das Erstarken der AfD hierzulande und die gerade erlebten Attacken auf Politiker im Berliner Reichstag beunruhigen Gerhard Lüdecke. „Dieses Thema verstärkt sich zusehends“, sagt der 82-Jährige, der in der Geschichte eine ungebrochene Linie antisemitischen Denkens beobachtet. In einer Publikation des vom Geschichtsverein jährlich herausgegebenen „Neuen Magazins“ hat der Jurist in einem 50-seitigen Aufsatz seine Recherchen über die Verfolgung und das Schicksal der jüdischen Juristen zusammengetragen.

„Der Aufsatz war als Gegenentwurf zur AfD gedacht“, erklärt er. Vor dem Hintergrund der schrecklichen antirassistischen Geschehnisse wie dem Angriff auf die jüdische Synagoge in Halle oder dem Mord an Walter Lübcke sieht der Pensionär die dringende Notwendigkeit, sich verstärkt mit der eigenen Geschichte und der Geschichte der jüdischen Mitbürger zu befassen. Er bedauert, dass weder die Stadt noch der Geschichtsverein oder die Justizbehörden sich bislang mit diesem Teil der Stadt- oder Justizgeschichte auseinandergesetzt hätten.

Aufklärung und politische Bildung in den Schulen hat Priorität

Nach Meinung Gerhard Lüdeckes muss dem von der AfD propagierten Gedankengut dringend durch Aufklärung und politische Bildung in den Schulen begegnet werden. Dort müssten junge Menschen sensibilisiert werden und lernen, wohin Ausgrenzung und Rassismus führen können. Ab Klasse sechs sei dieses Thema bei eingehender Vorbereitung schon den jüngeren Schülern zu vermitteln, ist sich der Jurist sicher.

Er und seine Frau, die pensionierte Lehrerin Gabriele Eisenberg-Lüdecke, haben schon häufiger an Schulen den Austausch mit den Schülern gesucht. In Klassenzimmern haben sie von den verfolgten jüdischen Juristen in Hanau erzählt und von den Juden, die von Hanau nach Theresienstadt deportiert wurden. „Dieser Teil der Hanauer Geschichte interessiert die Schüler, und sie stellen sehr konkrete Fragen“, weiß Lüdecke. Fragen, die sie den eigenen Großeltern nicht zu stellen wagten.

Junge Menschen mit konkreten Schicksalen erreichen

Diese Auseinandersetzung dürfe nicht nur in den Gymnasien geführt werden, ergänzt Eisenberg-Lüdecke. Auch in den Haupt- und Realschulen müsse über Rassismus und Antisemitismus gesprochen werden. „Wenn es am Beispiel konkreter menschlicher Schicksale vermittelt wird, verstehen die jungen Menschen auch, worum es geht“, so die Pädagogin.

Als Beispiel führt sie die Gestaltung einer November-Pogrom-Gedenkveranstaltung in der Hanauer Nordstraße an. Dort hatten Karl-Rehbein-Schüler die Geschichte jüdischer Jugendlicher aufgeschrieben und vorgetragen, die zum Zeitpunkt ihrer Deportation oder Ermordung genau so alt waren wie die vortragenden Schüler. „Da spürte man die Betroffenheit.“

Aussagen von AfD-Chef Gauland schockieren Historiker

Die ehemalige Lehrerin ist angesichts der erstarkenden rechtsextremen Kräfte in Deutschland in großer Sorge. Aussagen wie die von AfD-Chef Alexander Gauland, der im Bundestag davon gesprochen hatte, man werde die etablierten Politiker wie Angela Merkel jagen, müssten in Alarmstimmung versetzen. Das habe ihr den Klassiker Biedermann und die Brandstifter in Erinnerung gerufen und den Satz, „Die beste Tarnung ist die Wahrheit, weil das dann keiner glaubt.“

Gerhard Lüdecke sieht aber auch Grund zur Zuversicht. „Ich bin froh, dass sich fast alle Parteien so dezidiert gegen die Machenschaften der AfD stellen und sich der Bundestag als wehrhaft erwiesen hat“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Auch, dass wieder die Frage aufgeworfen werde, ob man die AfD nicht verbieten könne, begrüßt der Jurist.

Das Gedankengut dieser Partei könne man nicht untersagen, ist der Ex-Richter überzeugt. Aber gegensteuern müsse man. Da stimmt ihn optimistisch, dass in der jungen Juristengeneration ausgeprägt Position gegen die AfD bezogen werde. Umso mehr, als in den Reihen der Juristen nach Kriegsende viele den Nazis nahestehende Rechtsanwälte, Notare und Richter weiter im Amt geblieben seien.

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