Wirkungsvolles Beweismittel

Polizei und Stadt ziehen Bilanz zur Videoüberwachung

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Videoüberwachung am Marktplatz. 

Früh Morgens am Freiheitsplatz. Schüler sind unterwegs zur Schule. Am Busbahnhof spricht ein 29-jähriger Mann zwei Mädchen an – in vulgärer Art, wie es im Polizeibericht heißt. Dann steckt er die Hand in die Hose und onaniert. 

Hanau –  Die Kameraüberwachung zeichnet den Vorgang auf, der Mann kann identifiziert werden. Die Tat, die sich im Mai dieses Jahres ereignet, kann durch die Videoschutzanlage zwar nicht verhindert werden. Die lückenlose Aufzeichnung des Geschehens führt aber nicht nur zur Ergreifung und Verurteilung des Täters, sondern erspart den beiden Kindern, 11 und 12 Jahre alt, auch eine Aussage vor Gericht, die zusätzlich zu dem schlimmen Erlebnis traumatische Wirkung haben könnte.

Vor einem Jahr, am 4. Juli 2018, fiel der Startschuss für die Videoüberwachung am Marktplatz und Freiheitsplatz mit insgesamt 28 Kameras (Kosten: 691 000 Euro). Gestern zogen Polizeipräsidium Südosthessen und Stadt Hanau in einer Pressekonferenz Bilanz. Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) und Polizeipräsident Roland Ullmann bezeichnen die gemeinsame Anlage als Erfolg. Nach anfänglichen Bedenken zum Datenschutz genieße die Videoüberwachung in der Bevölkerung eine hohe Akzeptanz, so die Wahrnehmung des Rathauschefs. Das subjektive Sicherheitsgefühl habe sich vor allem in den Abendstunden verbessert.

Straftäter abschrecken 

Aber auch objektiv belegen die Zahlen einen Rückgang der Straftaten (siehe Kasten). Das ist, wie Polizeipräsident Ullmann mit Blick auf die Statistik noch einmal betont, in Hanau seit Jahren der Fall. Und das, wie Stadtrat Thomas Morlock (FDP) ergänzt, trotz der Entwicklung zur Großstadt. Während aber Straßenkriminalität oder Wohnungseinbrüche zuletzt kontinuierlich weniger wurden, verzeichnete Hanau bekanntlich einen Zuwachs bei schwerer und gefährlicher Körperverletzung, vor allem auf dem Freiheitsplatz. Eine Maßnahme dagegen sollte die Videoüberwachung sein.

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Die Kameras im öffentlichen Raum sollen zum einen potenzielle Straftäter abschrecken und damit für mehr Sicherheit sorgen, zum anderen die Aufklärung von Straftaten erleichtern. Beide Zielsetzungen sind nach Auffassung des Polizeipräsidenten erreicht worden.

In welchen Fällen die Videoüberwachung direkt zur Ergreifung der Täter geführt hat, schildert Leitender Polizeidirektor Jürgen Fehler, Polizeichef für den Main-Kinzig-Kreis, an konkreten Beispielen. So kann im März ein Mann identifiziert werden, der nach einem Diebstahl in einem Kiosk von einem Zeugen festgehalten wird, dann aber flüchten kann.

Videoüberwachung ist erfolgreich 

Nach einem Einbruch in einem Mobilfunkladen filmt die Kamera zwei Täter auf der Flucht. Dadurch ergeben sich Hinweise auf eine bundesweit agierende Bande. Auch eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen jugendlichen Intensivtätern nachts auf dem Freiheitsplatz hält die Kamera fest. Von dieser Klientel seien in der Regel keine Angaben zum Tathergang zu erwarten, sagt Polizeidirektor Fehler.

In sechs Fällen, darunter auch der eingangs geschilderte sexuelle Missbrauch von Kindern, führt die Auswertung der Videoaufzeichnung allein im Jahr 2019 zur Ermittlung mindestens eines Tatverdächtigen. Dass die Aufzeichnungen als Beweismittel so wirkungsvoll sind, dazu trägt die hochwertige Technik der Multifokalkameras bei. „Selbst die Landeskriminalämter anderer Bundesländer haben sich schon in Hanau über die hier verwendete Technik informiert“, berichtet Ordnungsamtsleiter Thorsten Wünschmann.

Wünschmann spricht auch den Punkt der „Verdrängung“ von Straftätern an. Eine bestimmte Klientel hat sich nach Installation der Videoüberwachung, wie erwartet, Richtung Rappengasse/DGB-Haus und auch Richtung Schlossplatz orientiert. Dort komme es aber, anders als am Busbahnhof, nicht zum Aufeinandertreffen größerer Gruppen. „Durch den Verdrängungseffekt verändern sich die Gruppen auch, werden kleiner“, erläutert Jürgen Fehler. „Und manchen wird es durch die Kameras zu heikel, sie steigen ganz aus.“

VON KATRIN STASSIG

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