Sexuelle Nötigung?

79-Jähriger von Anzeige überrascht

Justitia in einem Gericht.
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Justitia in einem Gericht.

Ein 79-Jähriger soll eine 86-Jährige in deren Wohnung sexuell genötigt haben. Der Heusenstammer bestritt vor dem Schöffengericht in Offenbach die Tat. Die mutmaßlich Geschädigte muss noch aussagen. 

Heusenstamm –  Deren soziales Umfeld hält die Behauptung des Angeklagten, die Initiative sei von der schwer kranken Frau ausgegangen, für völlig abwegig.

Die Staatsanwältin führt aus, der Angeklagte habe die Geschädigte am 17. März 2018 beim Eintreffen in deren Wohnung in Heusenstamm an die Brust gefasst. Der Vorgang habe sich gegen deren ausdrücklichen Willen auf dem Sofa wiederholt. Die Frau habe sich aufgrund ihrer Gebrechen nur verbal wehren können. Außerdem soll der Angeklagte sein erigiertes Geschlechtsteil mit der Aufforderung präsentiert haben, sie solle ihn anfassen, und ihre Hand auf sein Geschlechtsteil gelegt. Schließlich sei er gegangen, nachdem die Geschädigte ihn nachdrücklich dazu aufgefordert habe. Rechtsanwalt Christian Staubach erklärt auf Nachfrage von Richter Manfred Beck, sein Mandant werde sich erklären.

Der 79-Jährige erzählt, er kenne die 86-Jährige von früher. Man sei sich nach Jahren in einer Metzgerei über den Weg gelaufen. Die Frau habe ihm ihre neue Adresse genannt und ihn gebeten, sie zu besuchen, sie sei so alleine. Wochen später habe er sich telefonisch angemeldet.

Sie habe ihm die Wohnungstüre geöffnet und wäre auf dem Weg ins Wohnzimmer fast gestolpert, wenn er sie nicht an der Schulter festgehalten hätte. Es könne keine Rede davon sein, „dass ich ihr an die Brust gefasst habe“. Hätte er sie nicht gehalten, „wäre das unterlassene Hilfeleistung gewesen“.

Nebeneinander auf dem Sofa sitzend, habe sie ihre Hand auf seinen Oberschenkel gelegt. Dann habe sie ihm übers Gesicht gestreichelt, während man sich über frühere Bekannte unterhielt. Sie habe schließlich den Kopf an seine Schulter gelegt und gesagt, sie könnte ihn nicht küssen, weil sie ihr Gebiss nicht trage.

Sie habe wissen wollen, wie es mit seinem ehelichen Sexualleben bestellt sei. Er habe geantwortet, seit einer Prostataoperation 2010 gehe da nichts mehr. Sie habe daraufhin ihn gebeten, sein Geschlechtsteil freizulegen. Erwartungsgemäß habe ihr Streicheln zu keinem Ergebnis geführt. Im Anschluss habe sie gesagt, es sei nun gut, worauf er seine Hand von ihrer Brust genommen habe und gegangen sei.

Die Anzeige habe ihn überrascht. Bei seinem Anruf habe sie erklärt, er solle sich keine Sorgen machen. Sie habe sich gegenüber Freundinnen verplappert und werde das aus der Welt schaffen. Der zweite Anruf sei anders verlaufen, „sie meinte, die Anzeige laufe, ich solle sie nicht mehr belästigen“.

Die Staatsanwältin fragt den Angeklagten, ob gegen ihn schon einmal wegen eines Sexualdelikts ermittelt worden sei. Der 79-Jährige erzählt, wie er bei einem Besuch „2016 oder 2017“ mit jener Frau im Bett gelandet sei, mit der er 1957 erstmals intim war. Im Anschluss hätte nicht die Freundin von einst ihn angezeigt, sondern deren Nachbarn, „nur weil die wussten, dass ich da bin“. Das Verfahren wurde eingestellt. Die Prozessbeteiligen werden die 86-Jährige wegen deren Immobilität nächste Woche bei ihr zu Hause befragen.

Zwei Freundinnen und ein Sohn der Frau sagen aus. Sie erklären jeweils, die 86-Jährige habe auf den Besuch schockiert reagiert. Alle halten wegen ihrer diversen medizinischen Malaisen die Behauptung für völlig abwegig, die sexuellen Avancen seien von ihr ausgegangen. Aufgrund ihrer schmerzhaften Osteoporose könne sie nicht mal eine Zeitung heben. Eine Zeugin: „Sie versteht nicht, wie sie jemand als Lustobjekt betrachten konnte.“

VON STEFAN MANGOLD

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