Ein Ort der Erinnerung

Gymnasium weiht Zeugen-Wand ein

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In Anwesenheit von Trude Simonsohn (vorne links) haben Lehrer und Schüler des Adolf-Reichwein-Gymnasiums das Wandbild am Eingang der Schule eingeweiht.

Heusenstamm - Eine große gelbe Wand ziert den Eingangsbereich des Heusenstammer Adolf-Reichwein-Gymnasiums (ARG). Beim genaueren Hinsehen offenbart sich im Hintergrund das Bild einer Pegida-Demonstration. Vier Porträt-Fotos und Texte fallen hingegen sofort ins Auge. Von Sonja Drücke 

Ein „Ort der Erinnerung“ will diese Wandinstallation sein. Neben Schülern und Lehrern, die sich zur Eröffnung davor versammeln, fällt einem gewissermaßen doppelt vertretenen Gast eine besondere Präsenz zu: Trude Simonsohn. Das Bildnis der von den Nationalsozialisten verfolgten Jüdin ist an dieser Wand verewigt. Sie steht dem Nachwuchs an dieser Schule aber auch schon viele Jahre als Zeitzeugin Rede und Antwort.

„Erinnern für die Zukunft“ heißt die Wandinstallation im Flur vor dem Lehrerzimmer und der Verwaltung des ARG. Sie erinnert an vier Persönlichkeiten, die eng mit der Schule verbunden sind. Dass der Widerstandskämpfer Adolf Reichwein eine davon ist, liegt nahe. Nach ihm wurde die Schule benannt. Der Jurist Robert Kempner – dessen Wirken für die internationale Gerichtsbarkeit ein großes Thema am Gymnasium ist – hat ebenfalls einen Platz bekommen. Hildegard Hamm-Brücher, von der auch der Titel der Installation inspiriert ist, weihte die Schule im Jahr 1967 ein. Und natürlich Trude Simonsohn. Die 97-Jährige ist zur Eröffnung gekommen und steht im Anschluss dem Geschichtsleistungskurs der Stufe Q2 für ein Gespräch zur Verfügung.

Die Idee zum „Ort der Erinnerung“ kam dem ehemaligen Lehrer Horst Brandl zum 50-jährigen Schuljubiläum. Tradition und Aktualität sollen dadurch verknüpft werden, erklärt Hildegard Bartels, die maßgeblich an diesem Projekt beteiligt ist. Auch sie ist ehemalige ARG-Lehrerin und verhilft zu einem tieferen Blick in die Entstehungsgeschichte. Neben dem pensionierten Lehrer Claus Bloss sind auch zwei noch aktive Lehrkräfte am Projekt beteiligt: Andreas Kurbel, der Lehrer des Leistungskurses Geschichte, und Katja Beyrich.

Weil Gestaltung und Umsetzung der Idee nicht einfach waren, holte sich die Gruppe Unterstützung von der Mainzer Künstlerin Sabine Neumann. Mit ihr erarbeitete sie die finale Version. Um den Museumscharakter zu umgehen, bringt die Situation einer Pegida-Demonstration im Hintergrund aktuelle Bezüge zu den historischen Persönlichkeiten. Zur Gefahr, dass sich Geschichte wiederholt.

Abi-Ball des Adolf-Reichwein-Gymnasiums Heusenstamm: Bilder

Im Gespräch mit Trude Simonsohn haben die Schüler viele Fragen über die Erlebnisse der Verfolgten im Nationalsozialismus. Die in Frankfurt lebende jüdische Tschechoslowakin scheut sich dabei nicht, über sehr persönliche Erinnerungen zu sprechen. Angefangen bei ihrer schönen und freien Kindheit in der Tschechoslowakei. Darüber, wie sie ihren ebenfalls jüdischen Mann kennenlernte, über ihre Inhaftierung in Theresienstadt, die Ermordung ihrer Eltern, ihre Verlegung ins Vernichtungslager Auschwitz und andere Lager bis zu ihrem Überleben.

„Auch ich habe mir die Hände schmutzig gemacht“, sagt sie. Als ihre Mutter auf der Deportationsliste stand, setzte sie alle Hebel in Bewegung, um ihren Namen davon verschwinden zu lassen. Sie schaffte es, doch musste dafür jemand anderes mitfahren. Am Ende gibt sie ihren Zuhörern einen nicht nur für sie selbst elementar wichtigen Rat: Sein eigenes Verhalten zu reflektieren und aufzuarbeiten hilft dabei, nicht noch einmal gleiche Fehler zu machen. „Man erspart sich viel Ärger und Enttäuschung.“ Die Schüler sind sichtlich angetan von Simonsohns Offenheit. „Man kriegt ein viel besseres Bild, wenn man so ein Einzelschicksal hört“, findet der Schüler Jan Klose. Und auch die Wandinstallation wird die Schüler noch viel über die Vergangenheit lehren.

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