OFC-Geschichte zur Nazi-Zeit

Schicksal des Dr. Weinberg

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Linda Stadtbäumer, Lara Meermagen, Lehrer Dirk Belda, Anastasia Makris und Robin Zink (von links).

Heusenstamm - Es war ein Stolperstein, einer jener Steine also, die erst seit einigen Jahren in Gehwege eingelassen werden, um an die Geschichte von Mitbürgern zu erinnern, die von den Nationalsozialisten verfolgt, gedemütigt, eingesperrt und ermordet worden sind. Von Claudia Bechthold

Der Stolperstein liegt vor dem Kickers-Stadion auf dem Bieberer Berg. Und er erinnert an den Rechtsanwalt Dr. Manfred Weinberg, der im Vorstand des Offenbacher Fußball-Clubs war. Mit ihm vor allem, aber auch mit dem OFC haben sich 22 Schüler des Abschlussjahrgangs am Adolf-Reichwein-Gymnasium eingehend befasst.

Dr. Manfred Weinberg war im Jahr 1932 im Vorstand der Offenbacher Kickers, als Adolf Hitler für den 16. Juni einen Besuch in der Lederstadt ankündigen ließ. Hitler wollte eine Kundgebung im Stadion auf dem Bieberer Berg. Dies aber verhinderte Manfred Weinberg. Hitler musste auf den Platz des SV 02 Offenbach ausweichen, der neben dem Stadion lag. Etwa 20 000 Menschen sollen bei dieser Kundgebung gewesen sein.

Weinberg hat für diese Entscheidung bezahlen müssen. Nicht nur, dass man seinen Rücktritt forderte, auch aus dem Verein sollte er austreten, was im Juli 1932 geschah. „Kickers frei von jüdischem Einfluß“ meldeten die nationalsozialistischen „Offenbacher Nachrichten“ damals. Ein knappes Jahr später, im April 1933, zwangen die Nazis ihn und Kaufhaus-Besitzer Ernst Oppenheimer, in aller Öffentlichkeit mit Ölfarbe aufgetragene kommunistische Parolen mit Zahnbürsten vom Boden des Wilhelmsplatzes zu entfernen.

Schicksal von Dr. Manfred Weinberg

Ein Mannschaftsbild des OFC aus den 30er Jahren. Genau können es die Schüler nicht datieren. (Bild vergrößern)

Genaueres über das weitere Schicksal von Dr. Manfred Weinberg weiß man nicht. Er soll mit seiner Familie nach Südfrankreich geflohen sein und den Holocaust überlebt haben. Nicht sicher belegt ist, ob es stimmt, dass er in den 50er Jahren hin und wieder zu kurzen Besuchen nach Offenbach zurückgekehrt ist. In den Chroniken des OFC taucht Weinberg nur noch im Zusammenhang mit der Stadionverweigerung auf. Aber auch nur im Buch zum hundertjährigen Bestehen.

Fußballfans sind nicht alle Schülerinnen und Schüler in diesem Grundkurs Geschichte bei Lehrer Dirk Belda am Adolf-Reichwein-Gymnasium. „Etwa die Hälfte“ der 22 Jugendlichen, schätzt Robin Zink, interessierten sich für diesen Sport. Robin Zink zählt dazu. Der 18-Jährige ist bekennender Kickers-Fan. Doch der Fußball allein ist es auch nicht, der die jungen Leute so an dieses Thema gefesselt hat. „Wir wollten wissen, wie die Menschen damit gelebt haben“, sagt Anastasia Makris. „Und das alles hat sich so nah abgespielt, nebenan“, fügt Lara Meermagen hinzu.

Ja, sicher, mit den Großeltern rede man schon einmal über diese Zeit, erzählen die vier Schüler aus dem Kurs, die von ihrer Arbeit berichten wollen. Und ja, Machtergreifung, Gleichschaltung und überhaupt die Zeit des Dritten Reichs waren bereits Thema im Fach Geschichte, ergänzt Dirk Belda. Aber so intensiv wie jetzt hatten sich die 17- und 18-Jährigen noch nicht mit den Nazis befasst.

Hineingestürzt in die Recherche

Sie haben sich richtig hineingestürzt in die Recherche. Unter anderem haben sie viel Zeitung gelesen. Die Offenbacher Zeitung – Vorläufer der Offenbach-Post – und die Offenbacher Nachrichten, die die Nazis als Gegenentwurf veröffentlicht haben. Dies alles liegt auf Filmen gespeichert im Archiv der Stadt Offenbach.

Dabei haben sie auch davon erfahren, dass die Offenbacher es dem Hitler nicht ganz so leicht gemacht haben wie vielleicht andernorts. Gegenkundgebungen soll es gegeben, als Hitler auf dem Bieberer Berg war. Und irgendwann sollen diese beiden Gruppen in der Stadt aufeinander getroffen sein. Eine größere Auseinandersetzung war offenbar die Folge. Aber auch über Manfred Weinberg wissen die ARG-Schüler nun mehr. Dass er auch in Nizza nicht bleiben konnte zum Beispiel, sondern noch einmal flüchten musste. Und dass er schon 1946 nach Deutschland zurückgekehrt ist – nach Mainz.

„Auch wenn wir schon vor dieser Arbeit wussten, wie grausam man mit den Juden umgegangen ist in Deutschland, schockt so ein Schicksal doch immer wieder“, schildert Anastasia Makris die Reaktionen der Kursteilnehmer. Aber die Art dieser Arbeit habe allen großen Spaßgemacht, versichert Linda Stadtbäumer. Zumal alle den Ehrgeiz hatten, mehr herauszufinden als bislang bekannt war. Das sei schon anstrengend gewesen, räumen sie alle vier ein. Aber es hat sie auch immer wieder motiviert, mehr herauszufinden.

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