Auf der Suche nach Talenten

Adolf-Reichwein-Schule: Siebtklässler machen Eignungstest

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Mit einer Feile aus einem rechteckigen Stück Holz einen Fisch formen, lautet die Aufgabe, die diese beiden Siebtklässler gerade zu lösen versuchen. Wichtig: Die Zeit bis zur Fertigstellung wird gestoppt. - Fotos (2):

Heusenstamm - Was kann ein junger Mensch , was kann er nicht so gut? Und was macht ihm Spaß? Um vor allem die beiden ersten Fragen zu beantworten, bedarf es verschiedener Tests. Denn schließlich geht es um eine wichtige Entscheidung: die Wahl einer Berufsausbildung. Von Claudia Bechthold 

An der Adolf-Reichwein-Schule wendet man nun das Testverfahren Hamet an. Es ist still im Computerraum. An vier Laptops sitzen Schüler und arbeiten konzentriert. Neben ihnen steht ein Kurzzeitwecker, dessen digitales Display unerbittlich anzeigt, wie lange sie schon versuchen, die gestellte Aufgabe zu lösen. Sie sollen einen Anrufbeantworter programmieren. Die Schüler der siebten Hauptschulklasse nehmen gerade an „Hamet“ teil. Hamet ist die Abkürzung für handwerklich-motorischer Eignungstest und gilt als anerkanntes Verfahren, um herauszufinden, welche Talente Schüler haben. „Es gibt zwei solcher Verfahren, die vom Hessischen Kultusministerium autorisiert sind“, sagt Margit Breen, Leiterin der Adolf-Reichwein-Schule (ARS). Man habe sich aber für Hamet entschieden, weil sich die Tests nicht nur auf soziale Kompetenzen der Schüler beschränken, sondern die Jugendlichen damit vor allem auch ihre handwerklichen Fähigkeiten ausprobieren können. Seit diesem Schuljahr durchlaufen Siebtklässler der Haupt- und Realschule diese Tests, um ihnen und ihren Eltern anschließend wichtige Hinweise zur Berufswahl geben zu können.

Konzentriert studiert die Schülerin die Anleitung, wie sie eine Serviette zu einem Fächer falten kann.

Die Entscheidung für dieses Verfahren, die noch von Breens Vorgänger Matthias Lippert getroffen worden ist, war nicht ganz leicht. Denn das Kultusministerium fordert zwar die Einführung solcher Tests, übernimmt aber die Kosten nur für eines der Verfahren. Hamet ist es nicht. Knapp 3000 Euro galt es also aufzutreiben. Der Lions-Club Offenbach-Lederstadt mit Professor Dr. Arend Billing aus Rembrücken spendete für das Projekt 500 Euro. Weitere 500 Euro gab die Kreishandwerkerschaft. 1000 Euro legte die Sparkasse Langen-Seligenstadt drauf. Und die weitere, auch die laufende Unterstützung übernimmt der Förderverein der Schule mit Alexandra Tron.

Für Hamet habe man sich entschieden, „weil wir sehr bunt gemischte Schüler haben“. Damit meint Margit Breen nicht nur die Tatsache, dass sowohl Haupt-, als auch Realschüler dort Abschlüsse anstreben. „Wir haben auch viele Inklusionsschüler, denen wir auch gern gerecht werden wollen und müssen.“ An der ARS kann auch ein sogenannter berufsorientierter Abschluss abgelegt werden, der die Schüler direkt in eine Ausbildung führt. Für bestimmte Berufe wird dieser anerkannt, auch wenn es kein kompletter Hauptschlussabschluss ist. „Unser wichtigstes Ziel ist es, möglichst viele unserer Schüler in eine Ausbildung zu bringen“, betont die Rektorin,

Außerdem lernen an der ARS viele Seiteneinsteiger. „Das sind Jugendliche, die ohne Deutschkenntnisse an die Schule kommen“, erläutert Margit Breen. Wobei das nicht nur Flüchtlingskinder sind, wie sie betont, sondern auch junge Menschen aus anderen europäischen Ländern. Auch für diese Gruppe sei das Verfahren Hamet die bessere Wahl, weil eben auch Fähigkeiten getestet werden, die mit Sprachkenntnissen erst im zweiten Schritt etwas zu tun haben.

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Handwerkliche Talente sind freilich nicht die einzigen, die man mit Hamet finden möchte. „Es geht auch um Fähigkeiten wie vernetztes Denken oder Koordination“, betont Matthias Lippert, der aus alter Verbundenheit an die Schule gekommen ist, um die erste Anwendung der Tests zu beobachten. Für Hamet werden die Klassen in kleine Gruppen mit je vier Schülern aufgeteilt. Im Hauptschulzweig sind es zwei Klassen mit je 18 Jugendlichen, im Realschulzweig, der im Frühsommer an der Reihe ist, zwei Klassen mit je 25 Schülern.

Bevor die eigentliche Aufgabe gestellt wird, gibt es eine Voraufgabe, mit der ein wenig geübt werden kann, worum es geht. Dann läuft der Test auf Zeit. „Wir beurteilen nachher nicht nur, wie gut die Aufgabe gelöst wurde, auch die Zeit spielt eine Rolle“, erläutert die Rektorin. Ist zum Beispiel ein Ergebnis besonders sorgfältig hergestellt worden, aber der Schüler hat lange dafür gebraucht, muss das kein Nachteil sein. Wichtig sei das Talent, Schnelligkeit könne mit zunehmender Übung kommen. Im Werkraum der ARS stehen gerade zwei Jungen an je einem Schraubstock. Eingeklemmt sind zwei Rechtecke aus Pressspan. Mit einer Feile sollen sie daraus einen Fisch formen. Daneben steht ein Mädchen mit einer Wasserwaage in der Hand an einer Wand. Mit Hilfe dieses Werkzeugs soll sie ein Bohrloch an einer bestimmten Stelle markieren.

„Wir machen Hamet ganz bewusst mit den Siebtklässlern“, betont Margit Breen. Denn damit bleiben der Schule noch mindestens zwei Jahre Zeit, um die Schüler dort zu fördern, wo ihre Stärken liegen. Die Ergebnisse der Tests werden außerdem mit den Jugendlichen selbst und mit deren Eltern besprochen. Und wenn es zur Berufsberatung geht, können die Tests auch vorgelegt werden.

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