Den Alltag vergessen

Ruth Thon kümmert sich seit den Anfängen der „eMSigen“ um Erkrankte

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Dank an eine Helferin (von links): Helga Glania, Leiterin der „eMSigen“, Ruth Thon, Bernd Crusius (Geschäftsführer der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft in Darmstadt) und Inke Reinhardt, Beratungsstellenleiterin in Darmstadt.

Heusenstamm - Vor wenigen Tagen feierte die Selbsthilfegruppe „die eMSigen“ ihr 30-jähriges Bestehen. Wichtiger Teil dieser Gruppe für Menschen mit Multipler Sklerose sind Ehrenamtler, die organisieren und helfen. Eine von ihnen ist Ruth Thon. Von Michael Prochnow 

In ihren Augen ist sie eine von vielen. Was sie macht, tun noch zwei Dutzend andere Menschen in der Schlossstadt. Aber nicht seit 30 Jahren wie Ruth Thon. So lange besucht und begleitet sie schon Erkrankte bei den eMSigen. Dafür erhielt sie jetzt eine außergewöhnliche Ehrung, eine ohne Trophäe, Medaille oder Urkunde. Die Ehrennadeln in Silber und Gold hat sie schon, für ihr treues Engagement hat die Deutsche Multiple-Sklerose-Gesellschaft (DMSG) keine Auszeichnung mehr vorgesehen.

Also wählte Bernd Crusius, der Geschäftsführer des Dachverbands in Darmstadt, der inzwischen 3830 Mitglieder hat, einen prächtigen Blumenstrauß aus und formulierte eine würdevolle Laudatio für die Helferin. „Ich wollte schon immer etwas in dieser Richtung machen, Menschen mit Behinderung helfen, einfach so“, erzählt Ruth Thon. „Und dann habe ich 1988 die Meldung in der Zeitung gelesen, dass Freiwillige für eine MS-Selbsthilfegruppe gesucht werden“, sagt sie so vergnügt, als hätte sie gerade im Eiscafé ihre Lieblingssorte entdeckt.

Die Geehrte hat sich sofort gemeldet. „Damals wusste ich noch gar nichts von der Krankheit“, schildert sie ihre Anfänge, „aber das spielte keine Rolle“. Vor den Dienstagstreffs übernimmt sie oft die Kuchenbestellung, stellt Tische mit auf und dekoriert sie, kocht Kaffee, spült und räumt auf. Sie holt gehbehinderte Teilnehmer mit dem eigenen Auto ab und bringt sie zurück oder koordiniert die Fahrdienste mit der Arbeiterwohlfahrt, Maltesern oder Johannitern, die MS-Kranke im Rollstuhl mit Spezialfahrzeugen chauffieren.

Ruth Thon besucht zudem jeden Mittwoch Margot im Altenheim. Dort lebt die Seniorin im Rolli, seitdem ihr Mann verstorben ist. „Man kennt sich schon lange“, plaudert die Ehrenamtlerin, „und um Margot kümmere ich mich schon mehr als 20 Jahre“. Längst verbindet beide Frauen eine enge Freundschaft. Sie feiern gemeinsam Geburtstage, Fastnacht und Ostern. „Aber wir betreuen, wir pflegen nicht“, stellt Helferin Thon klar, dass die Aktiven bei den eMSigen nicht die Arbeit der Professionellen übernehmen können.

Ehemann Herbert Thon packt ebenfalls mit an, schleppt Tische und Stühle. Die Entscheidung seiner Frau, in der Gruppe mitzuwirken, hat er damals „sofort toleriert“. Bis vor ein paar Jahren führte der Rentner den Stand der eMSigen auf dem Nikolausmarkt, zuletzt allein. Aber für Auf- und Abbau sowie für die Dienste an zwei Tagen „machen die Knie nicht mehr mit“, darum musste die Gemeinschaft die Teilnahme aufgeben. Und Nachwuchs sei nicht in Sicht.

„Für mich ist die Aufgabe mit den Kranken sehr wichtig“, betont die Helferin. Sie habe schon viele Leute angesprochen, mitzumachen. „Aber viele sagen, sie müssen Kinder zum Tennis- und Klavierspielen bringen“, berichtet die Frau der ersten Stunde. „Unsere Kinder sind immer selbst mit dem Fahrrad zum Training gefahren.“ Heute haben die Leute offensichtlich wenig Zeit, „oder teilen sie sich nicht richtig ein“.

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Zu den Aktivitäten der Freiwilligen zählen auch die Organisation einer Tombola, die Vorbereitung und Leitung von Ausflügen. Selbst in Zoo, Palmengarten und Theater waren sie schon mit der Gruppe, trafen sich zum gemeinsamen Mittagessen im Bahnhof. „Man sieht die Leute und freut sich, dass sie sich freuen“, erläutert Ruth Thon das System Geben und Nehmen.

Die waschechte Heusenstammerin war früher im Versand eines Lederwarenbetriebs beschäftigt und wird nächste Woche 71 Jahre alt. „Sie ist freundlich, hat stets gute Laune und Fastnacht ist ihr Fest“, hat DMSG-Sprecher Crusius erfahren. „In der Bütt’ hält sie Vorträge, bringt Stimmung in die Runde und lässt den Alltag vergessen.“ Aber das gelingt ihr auch bei jeder anderen Begegnung mit den Erkrankten.

‘ Für jüngere Leute aus Heusenstamm und Umgebung soll eine neue MS-Gruppe gegründet werden, in der sich die Mitglieder vernetzen und eigene Aktivitäten unternehmen können. Ansprechpartnerin ist Inke Reinhardt, Beratungsstellenleiterin in Darmstadt, s 06151 44666.

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