Neue Hilfe durch Digitalisierung

Wie Apotheken dem Versandhandel trotzen: Beispiel aus Heusenstamm

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Apotheken-Chefin Jeanett Wetzel arbeitet seit November mit den beiden Bildschirmen hinter ihrer Ladentheke an der Frankfurter Straße. „Sehr zufrieden“ zeigt sie sich mit den digitalen Neuerungen, die ihr mehr Zeit fürs Kundengespräch ermöglichen.

Heusenstamm - Der Versandhandel verschlingt Geschäfte in den Städten. Und macht auch vor den Apotheken nicht halt. Ein Heilmittel für die ortsansässigen Betriebe könnte die Digitalisierung sein. Wie sie mit Roboter, Computer und Co. dem Sterben trotzen, zeigt ein Besuch in der Cäcilien Apotheke in Heusenstamm. Von Eva-Maria Lill

 

Einsen und Nullen. Ganz oder weg. Wer sich nicht der Digitalisierung anpasst, bleibt auf der Strecke. Der Frankfurter Marktbeobachter AT Kearney etwa warnte im vergangenen Jahr: „Die deutschen Einzelhändler müssen online rasch Boden gutmachen, sonst wird ihnen im Internet das Wasser abgegraben.“ Was für Warenhäuser gilt, trifft in diesem Fall auch auf Apotheken zu.

Eine repräsentative Erhebung des Pharmakonzerns Aliud unter 300 Apotheken zeigt: Alle Befragten fürchten Wettbewerbsnachteile durch den Versandhandel. Mulmig macht laut Aliud vor allem der Beschluss des Europäischen Gerichtshofs 2016, die Preisbindung für ausländische Versandhändler bei rezeptpflichtigen Medikamenten aufzuheben. Damit dies Apotheken nicht den Todesstoß versetzt, die schließlich 80 Prozent ihres Umsatzes mit verschriebener Arznei generieren, müssen sie dagegenhalten. So wie Jeanett Wetzel, Chefin der Cäcilien Apotheke in Heusenstamm.

„Alles verändert sich“, sagt Wetzel, die seit mehr als zwanzig Jahren die Apotheke an der Frankfurter Straße leitet. Und: „Es ist eine spannende Zeit.“ Im November hat die 53-Jährige digital aufgerüstet. Bis dahin stand die Wand hinter der Theke voll mit „Schnelldrehern“ – Medikamenten, die oft gefordert und rasch gereicht werden, etwa Hustensaft.

Auch der Kommissionierautomat ist frisch in der Cäcilien Apotheke. Er sortiert und sucht Arzneimittel. Das erleichtert laut Wetzel das Warenwirtschaftssystem enorm.

Nun leuchten dort zwei übermannshohe Touchscreens. Darauf können Wetzel und ihre Kollegen per Fingerwisch durch Arznei-Abbildungen navigieren. Aufgeteilt nach Indikation, etwa Augen, Erkältung, Schmerzmittel. Sie und die Kunden sehen auf einen Blick, welche Packungsgrößen es von welchem Medikament gibt und ob es die Apotheke vorrätig hat. Welche Präparate von welchem Hersteller auf dem Bildschirm angezeigt werden, entscheidet Wetzel. „Es geht darum, was ich empfehle, warum ich es empfehle, für wen ich es empfehle“, erklärt die Pharmazeutin. Einmal ausgewählt, gibt sie dann dem neuen Kommissionierautomat den Befehl zum Arbeiten.

Dieser Roboter wohnt hinter der Bürotür in einem hellgrauen Metallkasten. Mit geschäftigem Surren geht er auf die Suche und greift zielsicher die gewünschte Arznei aus den Glasregalen. Das System der Cäcilien Apotheke fasst maximal 8500 Packungen.

Die vom Großhändler oder Direktbelieferer bestellten Arzneien werden ausgepackt und per Hand eingescannt. Je nach Anbieter kommt Ware zwei oder viermal am Tag. Der Roboter „sortiert“ die Mittel gemäß der chaotischen Warenlagerung ein – also gerade da, wo Platz ist.

Vorteil des Scannens sei, dass so alle Kennungen einwandfrei erfasst würden, sagt Wetzel. Darunter die Pharmazentralnummer (PZN) zur Identifikation von Präparat und Charge sowie das Mindesthaltbarkeitsdatum. „Früher mussten wir Schubladen aufziehen, um Mittel zu überprüfen“, erklärt die Chefin, heute spuckt der Automat Listen mit abgelaufener Arznei aus, die dann entfernt werden kann.

Schubladen gibt es in der kleinen Apotheke mit etwa 120 Quadratmetern aber immer noch. Für Ware, die der Roboter nicht greifen kann, etwa knautschige Wattepäckchen. Nach und nach will Wetzel die Verstau-Front abbauen. „Die Digitalisierung schafft Platz“, sagt sie. „Und Zeit, die ich für Kundengespräche nutzen kann.“

Eine Herausforderung sei die Einführung der Rabattverträge 2007 gewesen. Mittlerweile gibt es 24 600 solcher Abmachungen zwischen Herstellern und Krankenkassen. Sie schreiben vor, welcher Versicherte welches Präparat von welchem Hersteller erhalten darf. Die Berücksichtigung dieser Verträge bedeute für Apotheken einen administrativen Mehraufwand. „Die Digitalisierung hilft uns, das hierdurch größer gewordene Warenlager zu organisieren“, erklärt Wetzel. Beim Apothekerberuf ginge es schließlich um die heilkundige Beratung der Patienten, nicht um das Management von Waren.

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Neben dem Sortier-Roboter und den Bildschirmen helfen auch Kameras, die Rezepte einscannen und automatisch alle Daten erfassen. „Auch die dadurch gewonnene Zeit kann ich nutzen, um Kunden zu beraten.“ Darin sieht Wetzel auch den Vorteil gegenüber den Versandapotheken. Die seien zwar günstiger, aber sicher nicht schneller und es fehle der persönliche Kontakt. „Für uns ist es wichtig, den Menschen zu kennen und als Ganzes zu sehen. Das können Händler im Internet nicht leisten“, verdeutlicht Wetzel.

Die Kunden ihrer Cäcilien Apotheke begrüßen die Umstellungen. Die Arbeit mit dem neuen System mache ihr auch persönlich sehr viel Spaß. Dennoch beäuge sie die Entwicklung hinsichtlich des Versandhandels kritisch. „Ich denke, dass sich der Mark wie so oft in der Wirtschaft erst ins Extreme verändern wird, bevor er sich einpendelt“, sagt sie. „Die Frage ist, wie viele örtliche Apotheken es dann noch geben wird.“

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