Kein Urteil in diesem Jahr

Brutaler Überfall auf 70-jährige: Der Durchfall als Alibi

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Heusenstamm - Im Landgerichtsprozess um den brutalen Überfall auf eine 70-jährige Heusenstammer Rentnerin in der Bleichstraße wird es in diesem Jahr kein Urteil mehr geben. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Nach fünf Verhandlungstagen sammelt und wertet die 11. Strafkammer weiter Indizien und Zeugenaussagen, während der 48-jährige Angeklagte aus Dietzenbach wie gehabt an seiner Unschuld festhält. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, am 12. Oktober 2012 als Handwerker getarnt in die Wohnung der älteren Dame eingedrungen zu sein, um Schmuck und Bargeld zu stehlen. Als ihn die rüstige Rentnerin - die er wohl in Abwesenheit wähnt - aus dem Schlafzimmer kommt, schlägt der Einbrecher sie mit einem unbekannten Gegenstand nieder und flüchtet. Das Opfer erleidet ein offenes Schädelhirntrauma und ist seitdem ein Pflegefall.

Trotz ihres schlechten Gesundheitszustands lässt der Vorsitzende Richter nichts unversucht, der Wahrheit durch ihre Zeugenaussage ein Stück näher zu kommen. Im Rollstuhl wird die 72-Jährige in den Sitzungssaal geschoben, ist sogar entgegen der Befürchtungen recht klar bei der Sache. Vieles kann sie über ihren früheren, autarken Alltag berichten, doch für die Tatzeit fehlt ihr leider jegliche Erinnerung. Ebenso bedingt hilfreich ist die Aussage eines Nachbarn, der den mutmaßlichen Täter flüchten sah: „Er hatte eine Kappe auf und trug den roten Trageeinsatz eines Werkzeugkoffers bei sich. Diesen stellte er auf dem Hoftor ab, sprang darüber und eilte mit dem Einsatz davon.“ Identifizieren kann er den Mann jedoch nicht, es gibt nur eine Beschreibung zu Größe, Kleidung, Statur.

Diese passt zum Angeklagten - und dessen Schraubendreher wurde am Tatort neben dem Opfer gefunden. Dazu hat der Verdächtige eine Erklärung parat: Er sei zwei Monate vor der Tat bei der Dame gewesen und habe den Balkonsichtschutz befestigt. Dabei habe er das Werkzeug wohl auf dem Terrassentisch liegen gelassen. Was dazu allerdings nicht passt, ist die Spur, die der Polizeihund nach einer Schnupperprobe am Schraubendreher verfolgt: Geradewegs den Fluchtweg, den der Nachbar beobachtet hat. Verteidiger Andreas Bruszynski sieht die „Hunde-Indizien“ kritisch: „Natürlich findet der Hund die Spur meines Mandanten. Der hält sich ja auch regelmäßig in der Nähe der Tatwohnung bei seiner Hausbank und seinem Stamm-Metzger auf. Und beim zweiten eingesetzten ‘Schnüffler’ räumte der Hundeführer sogar ein, der sei eventuell der Spur des ersten Hundes gefolgt!“

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Eine weitere mögliche Schwachstelle ist das Alibi des Familienvaters. Er behauptet, während der Tatzeit - dank des eingegangenen Notrufs auf die Minute genau zu rekonstruieren - wegen einer misslichen Situation nochmal zu Hause gewesen zu sein. Das könne seine Tochter bezeugen. Verschwiegen habe er das anfangs deswegen durchaus - weil er Durchfall hatte und ihm die Lage peinlich gewesen sei. Der nächste Sitzungstermin in diesem dubiosen Fall ist erst für Mitte Januar angesetzt. Dann soll ein Gutachter des Landeskriminalamtes ergänzende Angaben zu einem Teilabdruck eines Nike-Trainingsschuhs machen, den der Täter in einer Blutlache hinterließ. Außerdem will die Kammer telefonische Überwachungsbänder abspielen, die Gespräche innerhalb der Familie des Angeklagten beinhalten. Alles sieht danach aus, dass am Ende des Indizienprozesses die Art und Größe der verbleibenden Zweifel über „schuldig“ oder „unschuldig“ entscheiden werden.

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