Bummeln ohne Glühwein

Heusenstamms Einzelhändler trotzen der Pandemie

Auch in der Stamm-Boutique mussten Meliha Öztas (rechts, mit einer Kundin) und Samiha Polat beim Late Night Shopping auf das Angebot von einer Tasse Kaffee mit Plätzchen verzichten.
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Auch in der Stamm-Boutique mussten Meliha Öztas (rechts, mit einer Kundin) und Samiha Polat beim Late Night Shopping auf das Angebot von einer Tasse Kaffee mit Plätzchen verzichten.

Aufgeben gilt nicht. Auch wenn das „Late Night Shopping“ am Freitagabend weit vom Party-Charakter der vergangenen Jahre entfernt war, so wollten neun Geschäftsleute entlang der Frankfurter Straße den Termin im Veranstaltungskalender nicht sausen lassen. Einige hielten allerdings wegen des bescheidenen Echos ihre Türen nicht bis 22 Uhr offen.

Heusenstamm – In der weiß lackierten Laterne flackert eine kleine Flamme, drumherum liegen Lebkuchensterne auf dem Stehtisch, einzeln verpackt. Besucher geben sich mit ausgestreckten Armen, Abstand wahrend, den Türgriff in die Hand. Das Spielzeugland ist in der beginnenden Vorweihnachtszeit eine gefragte Adresse für Eltern. „Das ist der Abend, an dem Mütter froh sind, dass die Männer auf die Kinder aufpassen“, meint Inhaberin Anja Gebhard hinter der Maske.

Damit es zu Pandemie-Zeiten zwischen ihren Regalen nicht zu eng wird, gibt’s den ausgelobten Zehn-Prozent-Rabatt bereits seit dem Mittag. Und an den Adventssamstagen bleibt der Laden bis 16 Uhr offen. Tatsächlich tummeln sich nur Erwachsene im Inneren, verharren ratlos vor den bunten Kästen in der prall gefüllten Ablage. Im hinteren Teil berät die kundige Fachfrau.

„Leute gehen nicht mehr gerne raus“

Irmgard Kämmerer vom gleichnamigen Geschenkehaus resümiert, „bisher läuft das Weihnachtsgeschäft super“. Allein mit der Bekanntmachung der verlängerten Öffnung ist sie nicht glücklich. „Sonst haben wir ein Zelt vor der Tür stehen“, darin dampften Glühwein und lagen Plätzchen. Jetzt ist das hohe Schaufenster hell erleuchtet, aber das ist an jedem Abend so. Eine Spendenbüchse für das Eritrea-Projekt der katholischen Pfarrgemeinden wartet am Eingang. Zum Fest gehen Römertöpfe, Tassen mit eingeformten Gesichtern, Espresso-Löffel und Gewürzmühlen, berichtet die Geschäftsfrau.

„Die Leute gehen nicht mehr gerne raus“, beobachtet Samiha Polat von der Stamm-Boutique. Zur „Late Night“ begleiten Ehemänner ihre Frauen gerne zum Shoppen. Und in dem Mode-Treffpunkt gibt es immer einen Kaffee und ein bisschen was zu knabbern – nur eben diesmal nicht. „Wir können nicht viel machen“, erklärt Meliha Öztas und hofft, dass es keinen kompletten Lockdown gibt.

Die Mitinhaberin erwartet, dass sie in diesem Jahr vielleicht sogar bessere Geschäfte machen als sonst. „In der Pandemie meiden die Kunden die Zentren der Großstädte“, beobachtet sie, „Online-Händler profitieren halt sehr stark“. Schon in diesen Tagen verkaufe die Boutique Waren, die wohl unterm Christbaum zu finden sein werden.

„Die Geselligkeit ist weg“

„Die Geselligkeit ist weg!“ Auch Brigitte Höhmann vermisst den Glühwein. Das Getränk wurde sonst auch vor dem kreativ dekorierten Fenster von Schreibwaren Döbert ausgeschenkt. „Ich freue mich, wenn Leute vor der Scheibe stehen bleiben, auch wenn das Einkaufen zur Nebensache wird.“ Heuer sei der Bummel „nicht unterhaltsam“. Immerhin, „Plätzchen to go“ gibt’s, „hygienisch korrekt gebacken und verpackt“, verspricht sie. Die Geschäftsfrau bestätigt, dass Heusenstammer jetzt nicht mehr so häufig nach Offenbach und Frankfurt fahren.

„Es ist nicht wie in den vergangenen Jahren“, bestätigt Melanie Kratz vom „Buch“, „die Kunden kommen mit konkreten Wünschen und stöbern nicht so lange“. Verpacken darf sie oft den „Obama“, Bände von Ken Follett sowie „Gregs Tagebuch“. (Michael Prochnow)

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