Eine Frage der Betrachtung

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Tischtennis ist Wieland Speers Leben.

Heusenstamm - Tischtennis ist sein Leben - das merkt man Wieland Speer sofort an. Zum Interview etwa brachte der Heusenstammer eine Mini--Tischtennisplatte mit und lud erst einmal zu einer Runde Tischtennis ein. Von Peter Petrat

In vielen Stationen hat Speer unterschiedliche Erfahrungen nicht nur im sportlichen Bereich gesammelt. Seit 1998 ist er Tischtennislehrbeauftragter der Internationalen Tischtennis Förderation und des Deutschen Olympischen Sportbunds, 2002 leistete er Tischtennis-Entwicklungshilfe in Namibia und seit Juni 2010 bekleidet er das Amt des Tischtennis-Bundestrainers im Deutschen Behindertensportverband. Von den jüngsten Para-TT-Europameisterschaften in Kroatien brachten seine Schützlinge gleich zwei mal den EM-Titel mit nach Hause. Drei zweite und drei dritte Plätze rundeten den großen Erfolg ab. Als nächstes stehen in diesem Jahr die Paralympics in London für ihn und seine Sportler auf dem Programm.

Herr Speer, wie sind Sie denn zum Tischtennissport gekommen?

Das erste Mal bin ich durch einen Klassenkameraden mit dem Tischtennissport in Kontakt gekommen. Er war bereits im Verein und spielte auf einer Klassenfahrt im Landschulheim in Büdingen mit mir. Dieser Freund hatte sogar eine eigene Tischtennisplatte in der Garage stehen und mich sozusagen entdeckt. So kam ich im Alter von 13 Jahren mit ihm zu meinem ersten richtigen Vereinstraining 1975 bei der DJK Eiche Offenbach.

Später wurde ich von meinem Trainer gefragt, ob ich ihm assistieren würde. Das hat so viel Spaß gemacht, den kleineren Kindern etwas beizubringen. Mit 18 habe ich dann den ersten Trainerschein gemacht und jede Literatur zu dem Thema verschlungen.

Auf welchem Wege sind Sie dann in den Bereich des Behindertensports gelangt?

Zum Behindertensport bin ich vor knapp zwei Jahren gekommen. Der Deutsche Behindertensport-Verband war auf der Suche nach einem Trainer gewesen und hat bei meinem früheren Arbeitgeber, den Deutschen Tischtennis-Bund nachgefragt und mir die Position angeboten.

Gibt es markante Unterschiede zum Sport von nicht behinderten Menschen, besondere Schwierigkeiten und andere Regeln?

Behindertensport ist auch Leistungssport, hier spielen die besten in ihren Disziplinen. Sie trainieren wie andere Leistungssportler auch. Teilweise so intensiv, wenn nicht sogar noch härter, um ihre körperlichen Nachteile auszugleichen. Natürlich ist das im Behindertensport mit mehr Aufwand verbunden. Aber für einige behinderte Bundesliga-Profis ist der Leistungssport das Lebenselixier.

Das unterschiedliche Handicap der Sportler hat vor allem Auswirkungen auf die taktische Ausrichtung im Spiel. Viele spielen auch im Nicht-Behindertensport mit. Bei Wettkämpfen erfolgt die Einteilung in unterschiedliche Klassen, die je nach Art der Behinderung für ungefähre Gleichheit sorgen sollen. Bei den elf Kategorien stehen die ersten fünf für verschiedene Einschränkungen, denen Rollstuhlfahrer unterliegen. Sechs bis zehn teilt diejenigen ein, die nicht im Rollstuhl sitzen. Wir nennen sie „Stehende“. Die elfte Gruppe bildet die der geistig Beeinträchtigten.

Wie verbreitet ist Behindertensport, insbesondere Tischtennis heutzutage? Wie wird mit behinderten Sportlern umgegangen, gibt es Vorurteile? Existieren Fördermittel für den Behindertensport?

Schon vor 30 Jahren gab es Rolli-Fahrer, mit denen wir im Nicht-Behindertensport gespielt haben. Inzwischen gibt es viele hundert behinderte Tischtennisspieler, die an nationalen und internationalen Wettbewerben teilnehmen. Seit 1988 auch an den Paralympics. Die besten Spieler werden vom Deutschen Behindertensportverband unterstützt, sie erhalten Reise, Übernachtung, Verpflegung und Meldegebühr bezahlt. Andere finanzieren sich über Sponsoren. Deutschlandweit gibt es etwa 600000 registrierte Behindertensportler in den verschiedenen Sportarten, die mit nicht behinderten Sportlern aktiv sind oder in speziellen Behindertensportvereinen Sport treiben, etwa in der VSG Heusenstamm.

Natürlich gibt es auch von manchem Vorurteile, aber das ist ganz unterschiedlich. Manche gehen mit Handi-caps ganz normal um, andere haben größere Probleme damit. Aber die meisten sind einfach nur unsicher, wie man mit einem behinderten Menschen umgehen soll.

Sie sind inzwischen seit fast zwei Jahren als Bundestrainer tätig. Was waren für Sie persönlich die größten Erfolge in ihrer Laufbahn? Was sind Ihre nächsten Ziele?

Besonders schön war es, als Trainer die Damen des TTC Assenheim von der Hessenliga bis in die erste Bundesliga zu führen und zu begleiten. Wir hatten nicht nur schnell viel Erfolg, sondern auch noch die größte und tollste Zuschauerkulisse in der ganzen Bundesliga. Ein weiterer wirklich schöner Erfolg waren die Ergebnisse der letzten Para-TT-Weltmeisterschaften in Südkorea. In meinem ersten Jahr als Deutscher Nationaltrainer brachten meine Sportler gleich einen Weltmeister- und mehrere Vizeweltmeistertitel mit.

Derzeit gibt es 12-14 Spieler, mit denen ich zusammen mit dem Trainer- und Physioteam bei den Paralympics in diesem Jahr in London dabei sein werde.

Gibt es noch etwas, das Sie loswerden möchten?

Letzten Herbst wurde ein Versuch bei der Rehacare-Messe gemacht. Dort haben hochklassige Tischtennisspieler gegen Rollstuhl-Tischtennisspieler gespielt. Allerdings saßen auch die nicht behinderten Sportler im Rollstuhl und hatten durch die andere Position an der Platte und der kleineren Schlagreichweite keine Chance.. So waren auch die Spitzenspieler auf einmal stark gehandicapt. Das heißt, dass behinderte Menschen ihren Sport nicht schlechter ausüben können, sondern nur andere Rahmenbedingungen haben. „Normal“ ist also nur eine Frage der Betrachtungsweise.

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