Schöner wird’s im Ungewissen

Der Heusenstammer Künstler Wolfgang Franz feierte seinen 90. Geburtstag

Künstlerisch aktiv: Wolfgang Franz feierte am Samstag seinen 90. Geburtstag.
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Künstlerisch aktiv: Wolfgang Franz feierte am Samstag seinen 90. Geburtstag.

Der Blick der Passagiere schweift über das weite Blau und verliert sich in der Ferne. Am Horizont tut sich eine Insel auf, blass und unscheinbar. Mit zarten Pinselstrichen arbeitet Wolfgang Franz das Eiland heraus und zeigt den Reisenden auf dem Aquarell das Ziel ihrer Reise. Der Pinsel gleitet in ruhigen, bestimmten Bewegungen über das Papier.

Heusenstamm - „So gefällt es mir besser – schöner wird’s im Ungewissen“, resümiert er. „Ich bin dankbar, dass ich das in meinem Alter noch so hinkriege“, sagt der Künstler, der am Samstag seinen 90. Geburtstag gefeiert hat.

Als Vorlage dient eine Fotografie, die Franz auf einer Reise in den 1970er-Jahren aufgenommen hat. Damals war er mit seiner Frau Maria Clara in deren Heimat Kolumbien zu Besuch. Das Motiv aus der Hafenstadt Cartagena zeigt eigentlich nur eine kleine Fähre. Der Aquarellist malt das Geschehen also nicht ab, sondern interpretiert es neu. „Das ist immer so, dass man immer ein Stück von sich selbst in das Werk gibt, das fängt schon bei der Maltechnik an“, erläutert der Vorsitzende des Künstlervereins Heusenstamm. Dabei sollte die Kunst zwar ein stetiger Begleiter des 90-Jährigen sein, doch zunächst keine Selbstverständlichkeit.

Wolfang Franz wurde am 6. März 1931 in Leipzig geboren und verbrachte dort Kindheit und frühe Jugend. Nach dem Zweiten Weltkrieg absolvierte er eine Lehre zum Modellbauer – die Kunst aber interessierte ihn viel mehr. Franz erzählt: „Ich wollte immer Kunstgeschichte studieren, den Wunsch hatte ich schon früh.“ Deshalb entschloss er sich, das Abitur am Abendgymnasium nachzuholen. Der Kunstbegeisterte fiel zwar mit seiner kreativen Ader auf, doch „vermutlich auch mit meinem frechen Mund“. Dieser wurde ihm zum Verhängnis, denn die Stasi verhinderte, dass Wolfang Franz in der DDR ein Kunststudium antreten konnte. Mit dem Plan, in Westdeutschland an der Goethe-Universität seinen Traum zu verwirklichen, zog er 1959 zu seiner Tante nach Frankfurt. Dort hatte er zunächst eine Unterkunft und arbeitete in seinem Lehrberuf für seinen Lebensunterhalt – und sah sich vor der nächsten Hürde: Auch die Türen der hessischen Hörsäle blieben für ihn verschlossen, denn das Abendabitur wurde ihm nicht anerkannt. Er erläutert: „Ich hätte noch ein volles Schuljahr nachholen müssen“

Von diesen Rückschlägen berichtet der Jubilar mit einem Lächeln auf den Lippen. Er sehe keinen Grund, darüber traurig zu sein, „denn es hat sich ja alles genauso gefügt, wie es sein soll.“ In seinem Beruf als Modellbauer war er in der Automobilbranche aktiv und wurde dank seines Zeichentalents ein wichtiges Mitglied der Firma Offenbacher Modellbau. Er absolvierte seine Meisterprüfung in diesem Bereich und sollte den Betrieb 1975 übernehmen. Die Skizzen, die Franz für den Modellbau anfertigte, waren auf einen Zehntelmillimeter genau. Mit der Inhaberschaft wuchsen jedoch auch die Verantwortung und der Zeitaufwand. Wenngleich der Skizzenblock sein treuer Begleiter blieb, klappte er die Staffelei nur im Urlaub auf. „Und bis man wieder drin ist, ist die Freizeit auch schon wieder um“, bedauert der Künstler.

1983 zog es den Wahl-Offenbacher und seine Frau in die Schlossstadt, in der er inzwischen so einige kreative Spuren hinterlassen hat. Er arbeitete bis zu seinem 70. Lebensjahr noch in der Firma mit und widmet sich nach wie vor für ein paar Stunden kleineren Beratertätigkeiten für das Unternehmen, an dem sein Herz hängt. „Das hält den Kopf fit, für den Körper mache ich Gymnastik“, meint er und lacht. Im Ruhestand, den er seit 2000 genießt, steht die Frohnatur allerdings alles andere als still. Mit dem Rentenalter hat er sich der Kunst hingegeben. Nahm an Kursen teil, verschwand für Stunden vor die Leinwand.

Seit 2003 ist er Mitglied im Künstlerverein Heusenstamm, übernahm 2008 den Posten des Vorsitzenden und organisiert seither zusammen mit den Künstlern zweimal im Jahr eine Ausstellung mit wechselndem Thema. „Das motiviert mich, auf ein Motiv hin zu malen“, meint er. Daneben verewigte er sich auf den Wänden der Kita Arche Noah und dem Horst-Schmidt-Haus, wofür er 2016 den Kulturpreis der Stadt erhielt. Im Restaurant „Da Salvatore“ sowie im Rathaus hänge seine Werke dauerhaft.

Obwohl die nächste Ausstellung des Künstlervereins so weit entfernt ist wie die Insel auf seinem jüngsten Aquarell, verliert er seine Motivation nicht. Seine Frau Maria Clara verrät: „Ich hatte mich noch gefragt, ob er in der Coronazeit weiter malt, aber er geht immer mit einem Lächeln runter ins Atelier.“ Auch aus dieser Situation macht der Vorsitzende das Beste: „Die meisten haben bestimmt das ein oder andere Coronabild gemalt – die nächste Ausstellung wird kommen.“ Mit dieser positiven Einstellung hat der Jubilar auch seinen Geburtstag gefeiert. Ausgerüstet mit Sekt, Pralinen und Geschenken für die Kleinsten hat das Paar nacheinander seine Patenkinder und deren Familien besucht. (Von Lisa Schmedemann)

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