Training für den Fall der Fälle

Mediziner zeigt drei ganz einfache Schritte gegen Herztod

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Die sogenannte Herz-Lungen-Wiederbelebung haben Bürgermeister Halil Öztas und weitere Verwaltungsmitarbeiter unter der Anleitung des Arztes Dr. Matthias Zimmer trainiert.

Heusenstamm: Nur zehn bis 20 Prozent der Betroffenen überleben einen Herzstillstand, dabei sind Hilfsmaßnahmen ganz einfach. Alles ist besser, als nichts zu machen.

Heusenstamm – Ein Mann mittleren Alters, Hose mit Bügelfalte, weißes Hemd ohne Krawatte, helles Jackett, liegt auf dem Flur, gleich neben dem Eingang zum Restaurant. Er bewegt sich nicht. Zum Glück kommen ein paar junge Leute vorbei.

Sie erschrecken sich, flüstern etwas und verschwinden hastig. Das Paar hinter ihnen schaut vorsichtig zu dem leblosen Körper, ruft dezent „Hallo“ und öffnet die Tür zur Gaststätte: „Da draußen liegt einer. “ So oder so ähnlich könnte es sich tagtäglich irgendwo abspielen.

Der erste Schritt des Paares gefällt Dr. Matthias Zimmer, der mit Rathaus-Mitarbeitern die sogenannte Herz-Lungen-Wiederbelebung trainiert. „40. 000 bis 60. 000 Menschen erleiden jedes Jahr in der Bundesrepublik einen Herzstillstand“, beginnt der Leiter der Notaufnahme des Kettelerkrankenhauses in Offenbach. „Nur zehn bis 20 Prozent der Betroffenen überleben.“ Acht städtische Angestellte im Raum Rembrücken neben dem Stadtverordnetensitzungssaal schauen erwartungsvoll auf den Gast. Und der Arzt belässt es nicht bei diesen Informationen.

„Prüfen, rufen, drücken“

Er wolle keinen kompletten Erste-Hilfe-Kurs geben, „aber drei ganz einfache Schritte gegen den plötzlichen Herztod zeigen“, verdeutlicht der Mediziner sein Anliegen. „In nordischen Ländern“, formuliert Zimmer seine Motivation, „verlassen mehr Patienten nach der Behandlung das Krankenhaus in einem guten Zustand als bei uns“. Woran liegt’s? Klar, die Skandinavier beherrschen die Maßnahmen – und greifen beherzt ein.

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Dafür möchte der Referent auch die Mitarbeiter der Verwaltung gewinnen. Auf Matten hat er mit seinem Team vier Doppel-Phantome gelegt, Kunststoff-Torsos mit Kopf und ohne Gliedmaßen. Neben Zimmer zeigen Rainer Faust, der Kreisbeauftragte und Dienststellenleiter des Malteser Hilfsdienstes in Obertshausen, sowie die Ausbilder Silvia Severson und Rainer Münzberger, wie es geht.

„Prüfen, rufen, drücken.“ Zimmer gibt die Parole aus und demonstriert: Den Patienten ansprechen und an den Schultern rütteln. Folgt keine Reaktion, den Kopf überstrecken, also nach hinten kippen und die Atmung überprüfen. Kann keine festgestellt werden, laut nach Hilfe rufen. Ist niemand da, selbst zum Telefon greifen und die 112 wählen, den eigenen Namen nennen, Ort und Situation angeben. Und dann sofort mit der Wiederbelebung beginnen.

Bis zu 100-mal pro Minute drücken

Zimmer rät, nicht lange Kleidung aufzuknöpfen, sondern das Hemd nach oben zu schieben, um den Handballen genau auf die Mitte des Brustkorbs setzen zu können. „Schnell und tief drücken“, lautet die Ansage, bis zu 100-mal pro Minute. Das klappt am besten mit dem Bee-Gees-Hit „Stayin’ Alive“ im Ohr. Nach 30 Stößen sollte zweimal beatmet werden, „nach Möglichkeit durch den Mund“, meint der Notfall-Arzt, Nase sei aber auch okay, vor allem, wenn es eine Verletzung im Mund gibt. Jedenfalls gelte es, weiterzumachen bis ein Rettungswagen eintrifft.

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Bürgermeister Halil Öztas geht zuerst auf die Knie, um die Puppe im geforderten Rhythmus zu drücken. „Mein letzter Kurs war vor 24 Jahren“, gesteht er, „für den Führerschein“. So geht es wohl vielen. Der Fachmann rät allen, ihre Kenntnisse aufzufrischen. Selbst für Großeltern sei es sinnvoll, die Handgriffe zu beherrschen, weil sie vielleicht regelmäßig ein Enkelkind betreuen.

„Zuschauer sind meistens genug da“, weiß Matthias Zimmer. Doch auch, wenn man sich nicht sicher ist, alles sei besser, als nichts zu machen. „Der einzige Fehler ist, die Hände in die Hosentaschen zu stecken.“

Michael Prochnow

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