Ein Paar selbst gestrickte Socken

Weihnachten 1945 und heute: Junge und alte Heusenstammer erzählen

Im Jahr 1945 haben die Menschen nicht ans
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Im Jahr 1945 haben die Menschen nicht ans

Anders als bisher wird das Weihnachtsfest in diesem Jahr für viele Menschen verlaufen. Die Pandemie hat nicht nur den Alltag, sondern auch Feiertage und Feste durcheinander gebracht. Wir haben Jugendliche gefragt, was ihnen in diesem Jahr fehlt, und ältere Heusenstammer, die sich noch an Heiligabend in den Jahren direkt nach dem Krieg erinnern.

Heusenstamm – Eigentlich wären jetzt ihre Großeltern aus Frankreich zu Besuch, erzählt die 13 Jahre alte Margaux. Aber das ist in diesem Jahr nicht möglich. „Das ist ganz schön blöd“, findet sie. Überhaupt konnten sie und ihre 15 Jahre alte Schwester Emilie Oma und Opa in diesem Jahr nur einmal sehen. Natürlich haben die Großeltern Geschenke geschickt, aber das ist trotzdem etwas anderes. „Aber wir werden die Pakete, so wie es in Frankreich üblich ist, erst am 25. Dezember morgens auspacken und dann in Frankreich per Videotelefonat anrufen“, berichtet Emilie. „Ich bin schon traurig, dass sie nicht da sein können, aber ich bin auch froh, dass wir uns wenigstens am Telefon sprechen und sehen können“, ergänzt Margaux. Traurig sei für sie vor allem, dass man noch nicht weiß, wie lange das alles noch dauern wird, sind sich die beiden Schwestern einig.

Weihnachten 1945: Geschenke gab es wenige, und wenn, dann nur Praktisches

„Wir hatten nicht viel Platz und es war kalt“, erinnert sich Rudolf Fauerbach an die ersten Weihnachtsfeste nach dem Krieg. Und zu essen gab es auch nicht viel. „Wir hatten Glück, weil mein Onkel Bäcker war“, berichtet er, der 1945 neun Jahre alt war. Auch zu diesem ersten Weihnachten nach dem Kriegsende habe es noch eine Ausgangssperre gegeben. Und es war kalt. „In der Wohnung war normalerweise nur der Ofen in der Küche beheizt, das Wohnzimmer machte man nur zu Feiertagen warm.“ Im Haus an der Frankfurter Straße war außerdem eine Flüchtlingsfamilie einquartiert.

Geschenke gab es wenige, und wenn, dann nur Praktisches. Ein paar Socken oder Handschuhe – selbst gestrickt. „Das Schönste für mich war die Christmette, das Feierliche, die Lichterpracht, das Singen“, erzählt der Heusenstammer. Die Kirche St. Cäcilia sei an diesem Abend proppenvoll gewesen. Man bewunderte die Krippe. Und die Deckenbeleuchtung des Gotteshauses war eingeschaltet, „das gab es nur zu den hohen Festtagen“.

An ihre Puppenküche und ihren Kaufladen erinnert sich Magdalena Herdt, die 1945 acht Jahre alt war. „Wir hatten einen Christbaum, den wir aus dem Wald geholt hatten“, sagt sie. Und als Geschenk gab es ein selbst gehäkeltes Kleidchen für die Puppe. „In den Kaufladen hatten meine Eltern ein paar Erbsen und Linsen gelegt, damit man damit spielen konnte.“

Auf den Weg zum Gottesdienst werden die zwölf Jahre alte Lena und ihre Familie in diesem Jahr verzichten. Obwohl das für sie zu Weihnachten dazugehört. Ungewohnt findet sie das. Aber ihre Großeltern will sie auf jeden Fall besuchen.

Karl Rebell: „Die Dampfmaschine wurde eines Tages eingetauscht gegen Mehl und Zucker“

„Ein armes Weihnachtsfest“, sagt Karl Rebell auf die Frage nach dem ersten Nachkriegsfest. Das Essen sei sehr mager gewesen. „Wir hatten Glück, dass mein Großvater Hasen gezüchtet hat“, berichtet er. So gab es am ersten Feiertag im Haus an der Forststraße einen Hasenbraten für die Familie. „Das war etwas ganz Besonderes“, betont er auch heute noch.

Zwölf Jahre alt war Karl Rebell 1945. Und er hatte damals zwei Spielsachen, eine Dampfmaschine mit einer Mühle und einer Hammerschmiede sowie eine kleine Eisenbahn, die im Kreis fahren konnte. „Die Dampfmaschine wurde eines Tages eingetauscht gegen Mehl und Zucker“, erinnert er sich noch. Und auch auf die Eisenbahn verzichtete der Junge, als er von einem Schulkameraden aus Dietzenbach erfuhr, einer Flüchtlingsfamilie aus dem Sudetenland, dass dessen kleiner Bruder überhaupt keine Spielsachen hatte. „Später wurde ich dann zum Firmpaten für diesen Jungen und wir stehen bis heute in Kontakt.“ Er selbst hat damals zu Weihnachten einen „Norwegerpulli“ bekommen. Dazu hatte seine Mutter einen alten Pullover aufgezogen und aus der Wolle den neuen gestrickt. „Mein schönstes Weihnachtsgeschenk war aber, dass mein Vater wieder da war“, betont Karl Rebell noch. Denn 1945 war das erste Fest, das die Familie nach den Kriegswirren wieder gemeinsam feiern konnte. (Claudia Bechthold)

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