Einbruch und Schläge in der Bleichstraße

Sieben Jahre Haft für versuchten Totschlag

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Beamte der Bereitschaftspolizei hatten damals nach Spuren gesucht.

Heusenstamm - Entscheidung im Prozess um einen beinahe tödlichen Wohnungseinbruch: Ein 48-jähriger Dietzenbacher, der die Rentnerin fast tot geprügelt haben soll, ist vom Landgericht Darmstadt wegen versuchten Totschlags zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Damit endete am zehnten Verhandlungstag ein nervenaufreibender Prozess, der ausschließlich auf Indizien basierte und in den unzählige Zeugenaussagen, Gutachten und Beweisanträge einflossen. Der bisher unbescholtene Familienvater soll bei der damals 70-jährigen Dame über die offene Balkontür in deren Wohnung eingedrungen sein, um das angeblich vermögende Opfer zu bestehlen. Als die Frau den Täter überraschte, schlug ihr dieser fünf Mal mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf, dann flüchtete er mit ihrer Geldbörse. Die Rentnerin sitzt seitdem im Rollstuhl und lebt im Pflegeheim, für die Tatzeit fehlt ihr jegliche Erinnerung.

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Richter Volker Wagner folgte weitgehend der Staatsanwaltschaft, die acht Jahre wegen versuchten Mordes aus Habgier und zur Verdeckung einer Straftat gefordert hatte. In seiner Urteilsbegründung geht der Vorsitzende auf zwei von mehreren markanten Umständen ein, die eindeutig auf den Außendienstler hinweisen sollen. Das sind einmal der am Tatort an der Bleichstraße gefundene Schraubendreher, der dem Verurteilten gehörte (den er laut eigener Aussage sechs Wochen vor der Tat bei einer Montage auf ihrem Balkon vergessen hat), und die Zeugenaussage des Nachbarn, der den Täter über das Gartentor flüchten sah. Dieser soll in Größe, Gestalt und Gangart genau auf den 48-Jährigen gepasst haben. Richter Wagner: „So viele Zufälle gibt es nicht!“

Verteidiger kündigt Revision an

Verteidiger Andreas Bruszynski sieht das komplett anders. Er hatte für Freispruch plädiert, glaubt seinem Mandanten, der immer und immer wieder seine Unschuld beteuerte. Er kündigte direkt nach dem Urteil Revision an. Der Rechtsanwalt: „Die Zweifel sind erheblich. Warum haben wir überhaupt so lange verhandelt? Mein Mandant selbst hat auf Untersuchungen gedrängt, die ihn - im Falle seiner Schuld - überführt hätten.“ Der Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ scheine in diesem Verfahren nicht zu gelten. In seinem 90-minütigen Plädoyer hatte er sämtliche Indizien entkräftet, ein besonders markanter Punkt sind dabei die blutigen Fußspuren am Tatort. Dazu wurde gleich mehrmals eine Sachverständige vom Landeskriminalamt gehört.

Der Dietzenbacher und sein Anwalt machten sich sogar die Mühe, bei einem Besuch in Wiesbaden diese Abdrücke nach zu stellen. „Wir haben mit Schweineblut und verschiedenen Schuhmodellen, von denen die Abdrücke stammen müssen, mehrere Versuche gemacht. Mein Mandant hat es trotz aller Bemühungen nicht geschafft, die Außenseite der Sohle abzubilden. Dafür läuft er zu sehr nach innen.“ Genau diese Aussenseite des Abdrucks wurde aber am Tatort gefunden und lässt sich laut Bruszynski auch eindeutig dem Täter zuordnen: „Die Spuren bilden direkt den Fluchtweg zur Balkontür ab. Nur der Täter kann sie mit ganz frischem Blut verursacht haben, denn Blut gerinnt unmittelbar an der Luft und bildet dann Schmierspuren ab, die es aber nicht gab. Die Schuhe müssen sauber benetzt gewesen sein!“ Auch am Balkontürgriff und am Geländer wurde Blut gefunden. Ob der Bundesgerichtshof der Revision des Verteidigers statt gibt, bleibt abzuwarten - bei weniger als zehn Prozent solcher Anträge sendete Karlsruhe in der Vergangenheit grünes Licht.

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