Dynamik des Bösen ausgelöst

Dürrenmatts „Alte Dame“ am Adolf-Reichwein-Gymnasium

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Eine beeindruckende selbst erarbeitete Version des Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ haben Reichwein-Gymnasiasten am Wochenende aufgeführt.

Heusenstamm - Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ zählt in fast allen Schulen zur Pflichlektüre. Auch die Arbeitsgemeinschaft „Darstellenes Spiel“ der Jahrgangsstufe Q2 am Adolf-Reichwein-Gymnasium (ARG) hat sich damit befasst. Von Jürgen Roß 

Sie haben das Stück jetzt auf die Bühne des Gymnasiums gebracht. Unter der Leitung von Kristina Stein-Hinrichsen hat sich die AG mit großer Literatur auseinandergesetzt. In Anlehnung an Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ ist ein Stück mit viel Lokalkolorit und aktuellen Bezügen zu politischen und gesellschaftlichen Themen geworden. Die Bühne in der Aula des Adolf-Reichwein-Gymnasiums ist dunkel, das Bühnenbild minimalistisch und die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler sind schwarz gekleidet. Auf ablenkende Reize durch ein großes Bühnenbild verzichten die Schüler einer eigenen Fassung. Sie nennen es „Kill Ill“ und verlegen die Szenen nicht nur in den fiktiven Ort Güllen, sondern wagen auch eine Verortung in die Schlossstadt: „Es ist nichts los in Heusenstamm, selbst in Dietzenbach ist mehr geboten“, klagen Schüler, die mit dieser Aussage für Heiterkeit im Publikum sorgt.

Die Handlung des Stücks befasst sich mit der Frage nach Moral und Charakterstärke und zeigt eindringlich, wie leicht der Mensch sich kaufen lässt. Güllen. der fiktive Ort, steckt in Problemen. Er ist subjektiv verarmt, verwahrlost, heruntergekommen. Gefühlt ist alles schlecht. Die Menschen in dem Ort sehen keine Perspektive mehr und überlassen sich dem Schicksal. Als eines Tages eine einstige Bürgerin des Ortes, Kläri Wäscher, zu Besuch kommt, schöpfen die Einwohner Hoffnung. Durch die Heirat mit einem Ölmilliardär ist Claire Zachanassian, wie sie sich nun nennt, zur Multimillionärin geworden und möchte ihre Vergangenheit aufarbeiten. „Ich möchte Gerechtigkeit und spende dafür 500 Millionen für die Stadt und noch einmal so viel für jede Familie im Ort“, lässt Claire verkünden. Gerechtigkeit heißt für die „personifizierte Göttin der Hoffnung“, wie sie die Bürgermeisterin nennt, ihre erste Liebe zu töten. Als junges Mädchen war Claire in Alfred Ill verliebt und wurde von ihm schwanger. Das Kind wurde ihr genommen und ist kurz darauf gestorben. Alfred hatte Claire sitzen lassen. Vierzig Jahre später existiert in Claire immer noch der innere Kampf zwischen Liebe und Hass, zwischen Menschlichkeit und Skrupellosigkeit.

Mit ihrem Angebot löst die Multimillionärin eine Dynamik des Bösen aus, die von den Schülern eindrucksvoll dargestellt wird. Der Schulleiter mahnt fast naiv humanistische Werte an und erinnert an Kants kategorischen Imperativ: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zum Gesetz werden kann“. Er fleht Claire an „werden Sie menschlich“ und erhält die Antwort: „Die Menschen interessieren mich nicht.“ Um wie viel stärker die Sehnsucht der Bürger nach Geld und Ansehen ist, wird in einzelnen Szenen verdeutlicht, in denen durch die Aussicht nach Reichtum und Wohlstand alle moralischen Bedenken ignoriert werden. Der Theatergruppe des ARG gelingt es auch, zeitgenössische Phänomene und politische Irrwege anzuprangern. Die menschenverachtende Grundhaltung bei Casting-Shows wird ebenso inszeniert, wie die korrupte Haltung von Amtsträgern aus Politik und Gesellschaft.

Bilder: Abiball des Adolf-Reichwein-Gymnasiums

Trotz des ernsten Themas erfährt das Stück eine gewisse Heiterkeit, als ein Schüler den Choreografen Jorge González imitiert. Auch Talk-Show-Format wird kritisch hinterfragt, als der Moderator nach einer mehr oder weniger geglückten Diskussionsleitung einfach zum Sport überleitet und so tut, als sei alles ganz normal. Das Spannungsfeld, das sich im Laufe des Stückes entwickelt, verkehrt am Ende sogar die Täter- und die Opferrolle. Claire, die den Mord in Auftrag gegeben hat rechtfertigt sich: „Meine Rache ist eine angemessene Antwort auf diese ungerechte Welt.“ Und die um ihren Eigennutz besorgten Bürger stehen am Ende mit Waffen bereit, um auf Wehrlose zu schießen. Vom Balkon der Aula mahnt schließlich Gott das Publikum: „Ihr habt gesehen, wozu Menschen fähig sind“ und fordert „lasst die Liebe in eure Herzen“. Doch am Ende bleibt das Stück bei aller Ernsthaftigkeit heiter, als Gott in breitem Hessisch feststellt: „Ach, was soll’s - lasst uns feiern“ und Luftballons von der Empore wirft.

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