Einmal mehr Sonne

Förderschule am Goldberg feiert Welt-Down-Syndrom-Tag

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Gemeinsam mit Schlange Reni (von links): Alina, Paul, Annette Boldt und Arda.

Heusenstamm - Mit einem zusätzlichen Chromosom geboren worden zu sein, hält Alina nicht davon ab, Spaß zu haben: Die Achtjährige ist voller Lebenslust und besonders ehrlich noch dazu. Von Carolin Henneberg 

Alina lacht, rennt aufgeweckt durch den Raum der Schule am Goldberg. Auf ihrem weißen T-Shirt steht: „Immer 1 Chromosom Sonne voraus“. Die Achtjährige wurde mit dem Down-Syndrom geboren. „Das ist keine Krankheit“, sagt Alinas Mutter Annette Boldt, „so kommen eben manche Menschen auf die Welt, mit einem Chromosom mehr.“ Die 48-Jährige betreibt schon lange intensive Aufklärungsarbeit. Sie möchte, dass gerade Erwachsene ohne Hemmungen auf Menschen mit Behinderung zugehen, lieber fragen, was etwa das Kind hat, anstatt ihm verstohlene Blicke zuzuwerfen.

Boldt nennt es auch das „Direktheitschromosom“, das zusätzliche 47.: „Alina zeigt jedem ganz direkt, ob sie ihn mag oder nicht.“ Das könne schon mal zu peinlichen Situationen auf dem Spielplatz führen, gleichzeitig sei es aber auch herrlich erfrischend.

Der 21. März ist stets ein ganz besonderer Tag für Alina, ist es doch der Welt-Down-Syndrom-Tag. Das Datum symbolisiert das charakteristische Merkmal des Syndroms, nämlich das dreifache Vorhandensein des 21. Chromosoms. „Es ist für Alina wie ein zusätzlicher Geburtstag“, sagt Boldt.

Auch die Heusenstammer Förderschule am Goldberg hat sich diesen Tag freigehalten, um ihn gemeinsam mit einer dritten Klasse der Adalbert-Stifter-Schule zu feiern. „Wir haben eine Kooperation mit der Grundschule“, sagt Rektorin Birgit Krüger, „immer wieder kommen uns die Stifter-Schüler besuchen.“ Bei den Begegnungen ginge es auch darum, den Kindern klar zu machen, dass jeder anders ist, eben etwas Besonderes hat.

„Alle, die eine blaue Jeans anhaben, stehen jetzt aus dem Stuhlkreis auf und suchen sich einen neuen Platz“, fordert Krüger die Kinder der beiden Schulen auf. Als Nächstes müssen sich alle mit schwarzen Haaren einen neuen Sitzplatz suchen. Währen die Kinder in der Mitte des Stuhlkreises stehen und Ausschau halten, erklärt die Rektorin: „Seht ihr, ihr habt alle die gleiche Haarfarbe und trotzdem seid ihr ganz verschieden.“ Der Grundgedanke: Es ist ganz normal, verschieden zu sein.

Da stimmt auch Mutter Annette Boldt zu: „Man muss keine Angst haben, wenn jemand anders aussieht.“ Denn auch „Downies“, wie die Mühlheimerin Kinder mit dem Syndrom liebevoll nennt, können hüpfen, rennen, lachen, sind vielleicht mal zickig oder wütend.

Als alle wieder einen Platz gefunden haben, kommen Piep, Tilmann und Reni zum Einsatz. Vogel, Hund und Riesenschlange sind Therapiepuppen. Die plüschigen Freunde sollen helfen, Ängste zu überwinden, Scheu abzubauen und den Kindern den Umgang miteinander etwas zu erleichtern. Und genau das tun sie beim Spiel „Mein rechter, rechter Platz ist frei“. Dabei werden die Kuscheltiere zu Protagonisten, reisen von Stuhl zu Stuhl und damit von Kind zu Kind.

Am Ende der gemeinsamen Zeit an diesem Tag – bevor es noch zum Toben raus auf den Schulhof geht – ist das kleine „Irgendwie Anders“ an der Reihe. Das Kinderbuch von Kathryn Cave (erschienen im Oetinger Verlag) erzählt von dem Wesen „Irgendwie Anders“, das sich bemüht, wie die anderen zu sein. Aber weil es irgendwie anders ist, lebt es allein auf einem hohen Berg, bis eines Tages das kleine seltsame „Etwas“ vor der Tür steht und sich als echter Freund erweist. „Geschichten wie diese sind wichtig für Kinder“, sagt Annette Boldt. Alina auf jeden Fall, liebt ihre Bücher, hängt an den Lippen ihrer Mama und lauscht jedem Wort.

Als die Mühlheimerin nach zwei Fehlgeburten in der 13. Schwangerschaftswoche von der Diagnose ihres Kindes erfuhr, stellte sich ihr die Frage eines Abbruchs nicht: „Die Option gab es für uns einfach nicht“, sagt Boldt bestimmt. Zuhause wird die Achtjährige ganz normal behandelt, „es gibt keine Sonderstellung, wegen diesem einen zusätzlichen Chromosom“.

Schulleiterin Birgit Krüger, die seit 36 Jahren mit behinderten Menschen arbeitet, empfindet ihr Tun an der Ganztagsschule als eine „äußerst bereichernde Aufgabe“. Man lerne so viele verschiedene, individuelle Menschen kennen und könne ihre Entwicklung verfolgen. So seien auch Kinder, die mit Trisomie 21 geboren worden sind, nicht automatisch alle gleich. Alina etwa, sei auf einem guten Weg: „Schon jetzt ist sie sehr selbstständig und selbstbewusst, sie wird später ein selbstbestimmtes Leben führen.“

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