„Kinderhymne“ zum Wiedereinsteig

Erstes Treffen der Heusenstammer Literaturfreunde und Verabschiedung von Rolf Bollinger

Viel Abstand und geöffnete Fenster beim ersten Treffen der Literaturfreunde im Familienzentrum.
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Viel Abstand und geöffnete Fenster beim ersten Treffen der Literaturfreunde im Familienzentrum.

Die Literaturfreunde Heusenstamm wagen nach der Corona-Krise einen Neustart.

Heusenstamm – Bert Brecht, Ernest Hemingway, Rainer Maria Rilke, Theodor Fontane oder Günter Grass: Die Liste der Autoren, mit denen sich die Literaturfreunde Heusenstamm schon befasst haben, ist lang. Und sie enthält ebenso prominente Namen wie die weniger bekannter Schriftsteller. Einmal im Monat treffen sie sich – normalerweise. Doch die Pandemie hat auch den Terminplan dieses Kreises durcheinandergebracht. Jetzt haben sie den Neustart gewagt.

Gleich zu Beginn sind die mehr als 20 Gäste im Familienzentrum der Evangelischen Kirchengemeinde gefragt. Wer hat ein Gedicht mitgebracht, das ihn beschäftigt hat, fragt Heidemarie Eickmeier vom Organisationsteam der Literaturfreunde. Eine der Besucherinnen zitiert daraufhin die „Kinderhymne“, die Bert Brecht 1950 als Gegenentwurf für das Deutschlandlied veröffentlicht hat. „Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir’s, und das Liebste mag’s uns scheinen, so wie andern Völkern ihrs“, heißt es da in der letzten Strophe. Obwohl darüber nicht diskutiert wird, sind es wohl zwei Aussagen, die dahinter stehen: Zum einen, dass es gelungen ist, die Menschen im Land so gut wie möglich zu beschirmen. Und zum anderen, wie es Sophie Eckert benennt, dass die Pandemie einmal mehr gezeigt hat, dass alle gleich sind.

Auch Heidemarie Eickmeier hat etwas gefunden. Thorsten Stelzner heißt der Autor, ein Lyriker und Satiriker aus Braunschweig, Jahrgang 1963. Mit seinem schon im März im Videoportal Youtube veröffentlichten Gedicht „Gute Nacht, Deutschland!“ hat er Dankbarkeit und Zuversicht ausgedrückt.

Seit drei Jahren treffen sich an Literatur interessierte Menschen – eine Initiative des verstorbenen Dieter Eckart aufgreifend –, um sich einen Abend lang mit einem zuvor bestimmten Thema zu befassen. Den Lesungen folgen Gespräche über die Wirkung der Texte und deren Interpretation. Vorbereitet wird dies jeweils von einem der drei Mitglieder des Moderatorenteams. An diesem ersten Abend nach der langen Pause gilt es allerdings, einen Moderator zu verabschieden. Dr. Rolf Bollinger hat sich entschieden, aus dem Team auszuscheiden. „Das Alter gibt Veranlassung, Dinge loszulassen“, sagt Rolf Bollinger dazu. Er werde die Veranstaltungen der Literaturfreunde aber weiter besuchen. Heidemarie Eickmeier dankt ihm als kompetentem und liebenswertem Ratgeber für die stets „gut gewählten Texte und gekonnten Vorstellungen“ bekannter und weniger bekannter Autoren.

Seine Nachfolge tritt Ditrun Zeller an, die 15 Jahre lang den Verein „Literatur und Kunst am Torbau“ als Vorsitzende geleitet hat. Sie habe überlegt, ob sie diese Aufgabe übernehmen solle, berichtet sie, „aber ich kann nicht nur zu Hause sein, da werde ich trübsinnig“.

Mit einem kurzen Überblick über bereits behandelte Themen und Autoren und einem Ausblick auf folgende Abende fährt Sophie Eckert fort. Johann Peter Hebel werde man das nächste Treffen am ersten Montag im September im Familienzentrum, Leibnizstraße 57, widmen, kündigt sie an. Wegen der Hygiene- und Abstandsregeln beginne man nun um 17.30 Uhr, weil der große Saal nicht anders frei sei. Und man habe sich vorgenommen, den Gesprächen nach den Lesungen künftig mehr Raum zu geben. Namen von Autoren werden genannt, denen man sich einmal widmen könnte. Und immer wieder werden Gedichte zitiert, oft auswendig vorgetragen. Der Abend endet mit dem „Herbsttag“ von Rilke, den Sophie Eckert vorträgt. (Von Claudia Bechthold)

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