Explosion in einer Fabrik

Gernot Richter zeigt an einem Luftbild, wo die Munitionsfabrik an der Industriestraße gestanden hat. - Foto: Petrat

Heusenstamm - Eine Munitionsfabrik in Heusenstamm? Nur wenige Menschen in der Schlossstadt dürfte dies nicht überraschen. Denn dieser Betrieb ist ein fast vergessenes Kapitel der Heusenstammer Industriegeschichte. Von Peter Petrat

Gernot Richter vom Heimat- und Geschichtsverein war durch eine Notiz in einer Chronik über Heusenstamm aufmerksam geworden. Und hatte begonnen, zu recherchieren. Von einer Explosion war in der Notiz die Rede. Mehrere Tote waren zu beklagen.

Mehr als 40 Zuhörern konnte Gernot Richter jetzt im Haus der Stadtgeschichte die Ergebnisse seiner Recherchen präsentieren. Die 1915 errichtete Munitionsfabrik als Zweigwerk der Offenbacher Firma Griesheim-Elektron war sozusagen der Beginn der Industrieansiedlung im Westen Heusenstamms an der heutigen Industriestraße. Minen für Minenwerfer wurden befüllt und mit Zündern versehen.

Den Standort konnte Gernot Richter sehr genau bestimmen. Westlich der Ottostraße und südlich der Industriestraße liegt das Areal. Noch heute kann man die Umrisse recht genau erkennen, denn die Fabrik wurde in eine Sandgrube hinein gebaut, vermutlich aus Sicherheitsgründen. 1912 hatte man in Offenbach beschlossen, für die bestehende Bahnlinie einen Damm zu bauen. Der dazu benötigte Sand wurde unter anderem in Heusenstamm abgebaut.

Eine alte Karte zeigte Gernot Richter, dass das Gelände der Munitionsfabrik deutlich größer war, als zunächst vermutet. Arbeiterhaus, Maschinenhaus, Rohstofflager, Abkühllager, Wachschuppen, einige weitere Lager und insgesamt vier große Füllstationen waren darauf eingezeichnet. Das Grundstück war noch größer als das noch bekannte spätere Wachtberger-Gelände. „Heute steht davon wohl nichts mehr“, bedauert Richter aus geschichtlichem Interesse, höchstens noch einer der Unterstände, unter dem die Arbeiter vermutlich bei einem Bombenangriff Schutz gesucht hätten.

Skeptisch zeigte sich Gernot Richter jedoch bei den alten Fotos, die er im Lauf seiner Recherche aus dem Hessischen Wirtschaftsarchiv aus Darmstadt bezogen hatte. Obwohl die Bilder eindeutig als Aufnahmen der Heusenstammer Zweigstelle verschlagwortet waren, hegt er begründete Zweifel, dass diese Aufnahmen tatsächlich an der Industriestraße entstanden sind. Aus dem Kreis der Zuhörer erfuhr er dazu Bestätigung. Ein Wasserturm im Hintergrund, Schornsteine, die Lage des Waldes und Hochspannungsleitungen, die es damals in Heusenstamm noch nicht gegeben hat, sprechen vielmehr dafür, dass die Fotos das Offenbacher Hauptwerk von Griesheim-Elektron, das ehemalige Oehler-Werk zeigen.

Gernot Richter zeigte sich an dieser Stelle sehr erfreut über die Mitarbeit und den gemeinsamen Fortschritt bei der Erforschung der Historie der Schlossstadt während seines Vortrags. „Die da gearbeitet haben, litten oft an Gelbsucht“, erinnert sich ein Zuhörer an Geschichten seines Großvaters, deshalb seien die Arbeiter oft „die Gelben“ genannt worden.

Die Notiz, die ihn überhaupt erst neugierig machte, stimmte nicht ganz, fand Richter heraus. Es gab nicht nur eine Explosion, wie es in der Chronik notiert war, sondern zwei Unglücke, bei denen insgesamt 15 Menschen starben. Das Fabrikgelände wurde dabei nicht komplett zerstört. Nachdem er im Firmenarchiv der Farbwerke Hoechst, die später das Offenbacher Werk übernahmen, keine hilfreichen Informationen erhalten hatte, wurde er schließlich in Stadtarchiv Heusenstamm fündig: Die Versorgung der Füllstationen innerhalb des Geländes erfolgte mit Seilbahnen, die Anlieferung der Rohstoffe aus Offenbach und der Abtransport an die Front mit Güterzügen. Vermutlich wurde in Heusenstamm nur das explosive Gemisch angerührt und die gefüllten Hülsen dann mit einem Zünder versehen.

„Opfer der Pflicht“, lautete die Schlagzeile der Offenbacher Zeitung am 29. Januar 1916, die von der Beisetzung der Toten nach der ersten Explosion im Munitionswerk auf dem Alten Friedhof in Offenbach berichtete. Von den großen Opferzahlen der kommenden Jahre wusste damals man noch nichts, die Schlacht von Verdun mit mehr als 300 000 Toten etwa sollte erst kurze Zeit später beginnen. Der Betriebsunfall schlug also hohe Wellen. Ein drei Meter hohes Ehrenmal für die Opfer, gestaltet von Hugo Eberhardt, trägt die Inschrift „den in Pflichterfüllung verunglückten Arbeitern“. Ein Jahr später, nach dem zweiten Unglück, wurde es für jene Opfer ergänzt.

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