„Fest der Kinderrechte“

Kein Platz für das Leben

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Das Jugendzentrum ließ Kinder unter Zeitdruck für die Flucht packen und besprach die Ergebnisse dann. Die traurige Erkenntnis: Es bleibt immer jede Menge auf der Strecke.

Heusenstamm - Die Heusenstammer Betreuungsinstitutionen nutzen ihr „Fest der Kinderrechte“, um dem Nachwuchs einerseits Spaß und anderseits Verständnis für jene Altersgenossen zu bringen, die es nicht so gut haben. Beides funktioniert.

„Stell dir vor, deine Eltern und Freunde verschwinden spurlos, Zivilisten werden vom Militär verfolgt, du musst fliehen und hast nur 30 Sekunden, um das Wichtigste einzupacken...“ Mit diesem düsteren Szenario konfrontierte das Team des Jugendzentrums der städtischen Jugendförderung die Besucher beim Fest der Kinderrechte an der Adolf-Reichwein-Schule. Das Kuscheltier musste liegen bleiben und für die traditionelle Trommel aus dem Familienbesitz war ebenso wie für viele andere persönliche und kulturelle Werte kein Platz im Rucksack.

Mit dieser tiefgründigen Aktion sollten die Kinder nicht nur auf das Schicksal vieler Flüchtlinge aufmerksam gemacht werden, sondern auch Verständnis für die Flüchtlingskinder aufbringen. Das klappte: Nach dem ersten Schrecken, den so ein Rollenspiel bewusst verbreitet, sackte die Einsicht. „Wenn nur eines der Kinder später auf ein Flüchtlingskind zugeht und es zum Fußballspielen einlädt, dann haben wir echt etwas Großes geschafft“, erklärte Martin Kotzurek die ungewöhnliche und direkte Art der Sensibilisierung.

Wunsch nach mehr Bekanntheit und Akzeptanz

Im November feiern die in der UN-Kinderrechtskonvention beschlossenen globalen Rechte von Kindern ihr 25-jähriges Bestehen. Das hierzu ausgerufene Motto lautet „Kinderrechte verwirklichen!“ Denn auch wenn die Charta der Kinderrechte seit 1992 in Deutschland ratifiziert ist, muss sie noch an vielen Stellen umgesetzt werden. Seit sieben Jahren engagieren sich auch Betreuungsinstitutionen der Schlossstadt für mehr Bekanntheit und Akzeptanz. Zum diesjährigen Fest der Kinderrechte waren wieder einige neu hinzugekommen.

Matthias Lippert als Schulleiter der gastgebenden Reichweinschule betonte, wie ernst er und seine Kollegen die Kinderrechte nehmen. Besonders auf Demokratie innerhalb der Schülerschaft und das Recht auf Integration von behinderten Kindern werde Wert gelegt. Bereits dem Namensgeber der Schule, Adolf Reichwein, seien die Kinderrechte sehr wichtig gewesen, allen voran das Recht auf Bildung. Aus diesem Grund freute sich Lippert, seit diesem Jahr als Ganztagsschule auch denjenigen Kindern umfassende Bildung anbieten zu können, deren Eltern beide berufstätig sind.

Auch Kinder kommen zu Wort

Auf die aktuelle Problematik wies auch Bürgermeister Peter Jakoby hin. „Es ist keine Selbstverständlichkeit, wie gut es uns hier geht. Jeden Abend in den Nachrichten kann man sehen, dass es in anderen Teilen der Welt mit den Kinderrechten nicht weit her ist“. Und zum ersten Mal kamen zur Eröffnung auch zwei Kinder zu Wort. Kathi und Amelie brachten die Intension der gesamten Veranstaltung und aller Bemühungen weltweit mit nur einem Satz auf den Punkt: „Jedes Kind auf der ganzen Welt hat Rechte“, fing die eine an. „Und das muss auch respektiert werden“, ergänzte die andere.

Von den vielen unverzichtbaren Rechten für Kinder steche eines ganz besonders hervor, erklärte Britta Müller von der Jugendförderung: das Recht auf Spiel. Für die kindliche Entwicklung sei dies das wichtigste Recht. Spielerisches Lernen, körperliche Bewegung, Selbstvertrauen, Selbsterfahrung und Kommunikation mit anderen seien nur einige der vielen Aspekte.

„Ich will nicht, dass mein großer Bruder immer einfach in mein Zimmer kommt“, erklärt der kleine Luis an einer der Stationen zu je einem Recht und sitzt genau richtig. Denn dort können die Kinder Tagebücher und „Bitte nicht stören“-Schilder für ihre Zimmertür basteln und so ihr Recht auf Privatsphäre in Anspruch nehmen. „Es ist toll, dass man immer wieder darauf hingewiesen wird“, erklärt ein Familienvater einsichtig. Bei allen guten Absichten bei der Erziehung der Kinder passiere es ja doch recht schnell, dass man – eigentlich ja um seinen Sprössling zu schützen – vergisst, welche Rechte die Kinder haben. 

pep

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