Forschen bis zum Brief an Opel

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Früher war der Technikbaukasten was fürs ambitionierte Kinderzimmer. Heute lassen sich im Klassenraum viel breitere Erkenntnisse gewinnen.

Heusenstamm - Wie schreibt man einen Schaltplan für die Steuerung einer Fahrstuhltür mit Lichtschranke? Wie laufen die Prozesse beim Fracking ab? Warum ist der Opel Ampera keineswegs ein umweltfreundliches Auto? Von Michael Prochnow

Die Schüler von Jürgen Schöttler haben bereits an das Rüsselsheimer Unternehmen geschrieben, erzählt der Techniker, der ehrenamtlich an der Adolf-Reichwein-Schule die Naturwissenschaften-AG leitet. Und mit welch Konsequenz und Engagement seine Schüler sonst noch bei der Sache sind, das demonstrierten sie beim „Tag der offenen Tür“ am Samstag.

Er bot Interessierten, voran den jetzigen Viertklässlern und ihren Eltern, tiefe Einblicke in das Profil der Haupt- und Realschule mit Förderstufe. „Es gibt keine Selektion in der Grundschule, wenn jemand zu uns kommt“, erläutert Rektor Matthias Lippert. Und nach Klasse sechs stehen den Schülern alle Wege offen, zumal das benachbarte Gymnasium zu G9, also der längeren Abi-Zeit zurückkehren werde, was den Übergang erleichtere.

Nach Leistung in Kurse eingeteilt

Im zweiten Jahr an der Förderstufe werden die Mädchen und Jungen in den Fächern Englisch und Mathematik nach Leistung in Kurse eingeteilt. Montags bis donnerstags wird eine Betreuung bis 16 Uhr angeboten, täglich bereiten ältere Schüler in der Küche ein frisches Mittagessen zu. Am Samstag standen Pfannekuchen und Börek mit Lammfleisch auf dem Speiseplan. Die Reichwein-Schule besticht zudem durch eine Vielzahl an sozialen Angeboten und Interessengemeinschaften.

„Sie haben uns nur ausweichende Antworten gegeben“, berichtete Kursleiter Schöttler über die Reaktion der Adam Opel AG auf die Erkenntnisse seiner Gruppe, dass zur Erzeugung des Stroms für das Elektroauto übermäßig viel Kohlendioxid abgegeben werde. Mit Computerprogrammen und Bausteinen lösen sie Anforderungen des Alltags im Kleinformat. Sie untersuchen Modelle zur Speicherung von Energie, besichtigen eine Biogas-Anlage, machen sich im Projekt „Nachhaltigkeit“ auch gesellschaftspolitische Gedanken.

Eine Lehrerin, die zuhören und schweigen kann

Im regulären Unterricht zimmerten Siebtklässler kleine Gewächshäuser, um Radieschen und Salat im Klassenraum zu ziehen. Gleichaltrige testeten im Biologie-Fachraum, welche Regionen der menschlichen Zunge Süßes, Saures und Bitteres wahrnehmen. Eine neunte Klasse formte aus Draht, Malerkrepp und Gipsbinden Figuren, und Sechstklässler lernten erste französische Äußerungen in einem Schnupper-Unterricht kennen.

In der letzten Jahrgangsstufe bereiten sich die Jugendlichen gezielt auf die Abschlussprüfungen vor. Hilfe bei der Bewerbung leistet die Berufswegebegleitung, die mit einer halben Stelle besetzt ist. Große Erfolge kann die Schulsozialarbeit vorweisen. Eine Fachkraft bereitet Schüler auf ihre Aufgaben als Paten für die „Neuen“ vor, unterstützt die Streitschlichter und die Bus- und Bahnbegleiter.

„Prävention im Team“

Weitere Projekte sind PIT und FFL, „Prävention im Team“, wobei Haupschüler in Klasse Sieben gestärkt werden, nicht zu Opfern von Gewalt zu werden. Bei „Fit For Life“ geht es um Gruppen-Verhalten und Klassenfindung in der neuen Gemeinschaft nach der Förderstufe. Die Sozialarbeiterin vermittelt zudem bei Problemen im oder mit dem Elternhaus. Morgens und in den Pausen stehen die Räume am Schuleingang offen, dann gibt es auch einen heißen Tee für die ersten Fahrschüler.

Eine eigene Teestube öffnet mehrmals pro Woche, eine Lehrerin hat ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte der Schüler, hilft in Krisen und bei Trauer und unterliegt der Schweigepflicht. Die spirituelle Begleitung ist religions- und konfessionsübergreifend. Als Glücksfall betrachtet der Schulleiter auch die Zusammenarbeit mit der Stadtkapelle. Zwei Musiker luden ein, Holz- und Blasinstrumente auszuprobieren. Und dass die Reichwein-Schüler auch den Namensgeber ihrer Einrichtung kennen, dokumentierten sie im Foyer in Wort und Bild.

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