Fühlt sich richtig an

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Karin Härle.

Heusenstamm - Karin Härle interessiert sich für Menschen. Wer sich auf ein Gespräch mit der Pfarrerin einlässt, muss damit rechnen, dass sie versucht, hinter die Fassade zu schauen. Und dies gelingt ihr meist auch ganz schnell. Von Claudia Bechthold

Ehe man sich versieht, erzählt man ihr Dinge, von denen man gar nicht reden wollte. Dabei vermittelt sie ganz intensiv das Gefühl, dass es gut aufgehoben ist bei ihr. Sie ist, wie man sich eine Seelsorgerin wünscht.

Mehr als 30 Jahre hat sie in Heusenstamm gelebt, mehr als 30 Jahre war sie eine feste Größe der Evangelischen Kirchengemeinde in der Stadt. Nun verlässt Karin Härle mit ihrer Familie die Schlossstadt. Gleichzeitig beginnt sie ein so genanntes Sabbatjahr, wird also vorerst nicht als Pfarrerin tätig sein. Am Sonntag, 30. September, um 10 Uhr beginnt in der Kirche in der Frankfurter Straße 80 ein großer Gottesdienst zu ihrer Verabschiedung.

„Alle Kompetenzen aus der Seelsorgearbeit einbringen“

Schon vor einem Jahr hat sie der Gemeinde mitgeteilt, dass sie gehen wird. Ein Jahr, sagt sie, braucht man meist, um Abschiedsschmerz zu bewältigen, die Trauer zu bearbeiten. Dieses Jahr habe sie gebraucht. Nun freue sie sich auf den Wechsel, auf die Veränderung, auf den neuen Abschnitt im Leben, auf die neue Zeit. „Es fühlt sich so richtig an“, sagt Karin Härle.

Nach Frankfurt wird sie mit ihrem Mann Hans-Friedrich Härle ziehen, in das Haus seiner Eltern. Im Erdgeschoss dieses Hauses gibt es einen leerstehenden Kiosk. „Das war so ein kleiner Tante-Emma-Laden“, beschreibt sie, was in diesem Quartier im Stadtteil Bornheim offenbar eine Institution war. Diesen Laden will sie sich herrichten und daraus eine Beratungs-Praxis machen. „Da will ich dann alle meine Kompetenzen aus der Seelsorgearbeit einbringen“, verspricht sie.

Dass sie über solche verfügt, ist keine Frage. Aber sie gibt auch offen zu, wie viel Mühe, wie viel Arbeit und auch Schmerz es gekostet hat, diese Kompetenz im Lauf der Jahre zu erwerben. Ihr Reden von Gott habe sich seit ihren ersten Tagen als Vikarin in dieser Gemeinde sehr verändert, meint sie nachdenklich. Erfahrungen seien eingeflossen, die sie gemacht hat in der Gemeinde und in ihrem Privatleben. Damit meint sie vor allem die schwierigen, die schmerzlichen Situationen. Sie erlebe es immer wieder als großes Privileg, Menschen in schlimmen, in schwierigen Situationen begleiten zu dürfen: „Ich bin froh, wenn ich anderen beistehen kann.“ Weil sie gerade dann immer wieder das Gefühl hatte, nicht allein zu sein. Etwa, als sie einmal dabei war, als ein Kind gestorben ist. „Da waren Engel im Raum. Und das habe nicht nur ich so empfunden, das haben mir auch die Angehörigen gesagt.“

„Es wird sicher Heusenstamm-Tage geben“

Daraus, das betont sie, schöpfe sie Kraft. Aus diesem „Getragensein“, das viele Menschen heutzutage gar nicht mehr erleben, weil sie solche Grenzsituationen ausklammern. Dabei käme aus eben solchen Situationen oft auch eine Art der Fröhlichkeit und der Dankbarkeit.

Aber nicht nur die seelsorgerische Arbeit hat Karin Härle in ihrer Gemeinde mit mehr als 3600 Mitgliedern geschätzt. Auch das Netzwerk, die Verbundenheit, die eigene Qualität der Beziehungen waren und sind ihr wichtig. Und die vielen Veranstaltungen, bei denen die Gemeinde auch immer wieder bereit war für Neues, Lesungen etwa, Ausstellungen oder ein Tischabendmahl.

Die Nachfolge ist geregelt. Im Januar wird eine neue Pfarrerin kommen. Und bis dahin gibt es einen Vertreter.

Das Wegziehen aus der Stadt hält sie für wichtig, auch für die Nachfolgerin. „Aber es wird ganz sicher mehrere Heusenstamm-Tage im Jahr geben“, verspricht sie, schon wegen der Freunde. Und das Gefühl, stets in Gottes Hand zu sein, mache sie ruhig, auch für die Gemeinde, für die der Wechsel im Pfarramt auch eine ganz tolle Chance sei.

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