Dreimal Beten am Vormittag

Im Jahr 1900 entstand dieses Bild einer Kindergarten-Gruppe mit zwei der Nonnen vor dem Hinteren Schlösschen. Gernot Richter hat es abfotografiert.

Heusenstamm - Dreimal allein am Vormittag musste gebetet werden. Dazu kamen eine Viertelstunde „Religiöses Unterhalten“ und weitere 15 Minuten „Erzählen aus der biblischen Geschichte“. Von Claudia Bechthold

Von 8 Uhr bis 11 Uhr wurden etwa 140 Kinder von 1895 an im Hinteren Schlösschen vormittags und nachmittags nach solchen Vorgaben betreut. Die Schwestern von der Göttlichen Vorsehung hatten eigens dazu Nonnen aus Mainz nach Heusenstamm geschickt - auf Anfrage des Pfarrers Franz Landvogt.

Pfarrer Landvogt war die Gründung des ersten Kindergartens in der Schlossstadt zu verdanken. Doch so begeistert, wie man es bei derlei Initiativen von den Heusenstämmern erwarten könnte, waren sie von ihrem Pfarrer nicht. „Er galt als umstritten“, sagt Gernot Richter vom Heimat- und Geschichtsverein. Ein streng konservativer Kirchenmann soll er gewesen sein, fügt Richter hinzu. Misch-Ehen etwa zwischen Katholiken und Protestanten soll er nicht geduldet, katholischen Männern, die eine Evangelische geheiratet hatten, gar die Kommunion verweigert haben.

Wissen muss man, dass die Heusenstammer - 1910 waren es 2760 - damals zwar zu 90 Prozent katholisch waren, die Männer aber zu 70 Prozent sozialdemokratisch gewählt haben. Ein Wahlrecht für Frauen gab es damals noch nicht. So sollen die Heusenstammer 1915 auch ganz froh gewesen sein, als Pfarrer Landvogt in den Ruhestand ging. Immerhin 28 Jahre lang war er in der Gemeinde. In seine Amtszeit fiel übrigens auch der große Kirchenbrand im Juli 1902. Ein Blitz hatte in den Turm eingeschlagen und den Dachstuhl in Brand gesetzt.

Die Nachfrage nach einer „Kinderbewahranstalt“ muss groß gewesen sein, denn schon kurz nach der Eröffnung waren bereits rund 140 Kinder angemeldet. Doch der Grund für die Einrichtung des Kindergartens war ein anderer. Pfarrer Landvogt wollte dafür sorgen, dass die Kinder katholisch erzogen werden. Schließlich waren ja so viele Väter sozialdemokratisch orientiert.

Dauerausstellung zur Geschichte Heusenstamms

Mit dem Grafen Arthur von Schönborn-Wiesentheid, dessen Familie das Schloss gehörte, hatte der Pfarrer einen Vertrag gemacht. Das Hintere Schlösschen, das am Ende des 19. Jahrhunderts leer stand, konnte zur Kinderbetreuung genutzt werden. Außerdem erhielten die Schwestern aus Mainz dort Unterkunft. Diese haben damals übrigens auch die Krankenpflege für die Bürger übernommen.

Die Trägerschaft für den Kindergarten übernahm ein eigens gegründetes Komitee, das der Pfarrer leitete. Aber auch Bürgermeister Winter, Lehrer Kaiser und Rentamtmann Knaup gehörten ihm an. Etwa 3000 Mark an Spenden wurden jedes Jahr gesammelt, um die Kinder betreuen zu können. Hin und wieder brachten die Kinder auch Naturalien mit.

Viel mehr über das Leben im Heusenstamm des 19. Jahrhunderts können Besucher der Dauerausstellung im Haus der Stadtgeschichte (Zugang Eckgasse 5) am kommenden Sonntag, 22. Januar, erfahren. Um 15 Uhr beginnt eine Führung mit Gernot Richter zu dieser Abteilung des Museums. Drei Heusenstammer sollen dabei wieder lebendig werden: der Politiker Johann Ohlig, der Arzt Josef Anselm und eben der Pfarrer Franz Landvogt.

Führungen zu bestimmten Themen will der Heimat- und Geschichtsverein in loser Folge anbieten. Nach Gernot Richter werden Professor Elmar Götz am Sonntag, 5. Februar, über den Rembrücker Altar und Dr. Volker Schneider am Sonntag, 12. Februar, über Heusenstamms Barockgarten sprechen.

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