Nie etwas anderes gemacht

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Als der Winter Schorsch 1882 das Haus am Weg „zur Stadt Offenbach“ kaufte, stand es fast völlig frei.

Heusenstamm - Diese Gastwirtschaft ist eine Institution in der Schlossstadt. Und jeder Heusenstammer weiß, was gemeint ist, wenn von der „Katja“ die Rede ist. Beim offiziellen Namen „Zur Stadt Offenbach“ wird"s schon schwieriger. Den kennen nicht alle. Von Claudia Bechthold

Es ist nicht ganz das älteste Lokal in der Stadt, aber ganz sicher das älteste in Familienbesitz. Die „Katja“ an der Frankfurter Straße wird in diesen Tagen 130 Jahre alt.

Wer weiß noch, was ein Restaurationsbrot ist? Und, vor allem, wo man noch eines bekommen kann? Oder „Russische Eier“, längst vergessene Delikatesse der 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts? Der Kaviar – meist war es ja kein echter – als Tüpfelchen auf den hartgekochten halbierten Eiern mit Remouladensauce obendrauf war der Schick schlechthin in der Wirtschaftswunderzeit. „Wir sind wieder wer“, lautete die Devise dieser Zeit, in der man sich allmählich von den wirtschaftlichen und politischen Folgen der Naziherrschaft und des Krieges erholte. Und da spielte so ein Tüpfelchen aus Kaviar – egal ob falsch oder echt – eine große Rolle.

In der „Katja“ findet man sie bis heute auf der Karte, die „Russischen Eier“. Und auch das Restaurationsbrot, auf dem der Gast alles findet, was die kalte Küche an Wurst und Käse zu bieten hat. Dass zum üppigen Belag auch die Hausmacherwurst zählt, von Dieter Grasmück selbst gemacht, versteht sich von selbst.

Selbst gekelterter Apfelwein 

Überhaupt bietet das Lokal direkt gegenüber vom Torbau viele Speisen, die man heutzutage immer seltener findet. Die Schlachtplatte zum Beispiel, die es dienstags gibt (nur nicht im Sommer). Und der Hackbraten – in Heusenstamm gilt er als Legende.

Ebenso bekannt ist der selbst gekelterte Apfelwein. Inzwischen wird zwar auch viel Bier getrunken, aber es gibt noch genug Fans, die auf ihr „Schöppche im Gerippte“ nicht verzichten wollen.

Am 2. Juli 1882 hat der Winter Schorsch, wie die Heusenstammer Georg Adam Winter nannten, die Gaststätte „Zur Stadt Offenbach“ er öffnet. „Früher hatten alle in Heusenstamm einen Utz-Namen“, sagt Mechthilde Grasmück, die gemeinsam mit ihrem Bruder Franz Löw und ihrem Mann Dieter das Lokal führt. Der Winter Schorsch war ihr Urgroßvater, die Katja – eigentlich Katharina – ihre Großmutter.

Georg Adam Winter war Müller in der Schlossmühle. Mit dem Kauf des Hauses „am Weg nach Offenbach“ wechselte er nicht nur ins Gastgewerbe, sondern vor allem auch in die Landwirtschaft. Ein Speiselokal war die Gaststätte damals ohnehin noch nicht. Vielmehr war es üblich, dass man sich sein Essen mitbrachte ins Lokal. Die gute Küche zog erst mit Schwiegertochter Katharina ein. Dies dann aber umso nachhaltiger, denn sie wurde, wegen des guten Essens, vor allem von Russland-Heimkehrern liebevoll „Katja“ genannt. Auch den guten Ruf des Hackbratens hat Katja Winter begründet.

Fünfte und sechste Generation der Katja-Wirtsleute bereit

Deren Tochter Marlene, verheiratet mit Franz Johann Löw, übernahm nach dem Tod ihrer Eltern die Gaststätte. „Und wir Kinder haben schon früh geholfen“, erinnert sich Mechthilde Grasmück. Wie ihre Mutter hat sie fast ihr ganzes Leben lang „hinter der Theke“ gestanden. Als die Mutter starb, sind sie, ihr Bruder Franz und ihre Schwester Ingrid ganz selbstverständlich eingestiegen. Die Schwester aber musste schon vor langer Zeit aus gesundheitlichen Gründen aufhören. Vor zwei Jahren dann ist sie verstorben.

Mit Mechthildes Tochter Sandra und den Enkeln stehen mittlerweile die fünfte und die sechste Generation der Katja-Wirtsleute bereit. Ob sie dann wirklich übernehmen, ist noch offen. „Erstmal machen wir so lange weiter, wie es geht. Wir haben ja nie etwas anderes gemacht.“

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