Geschichte des Kaiserbesuchs

Protokoll einer Dienstreise

Etwas zu kalt, deutlich zu trübe - aber Heusenstammer wärmen sich immer gerne an der Erinnerung an den Kaiserbesuch. - Foto: M.

Heusenstamm - Die Erwachsenen der Schlossstadt kennen die Geschichte des Kaiserbesuchs nach all den Erinnerungsfesten wohl längst auswendig. Für Kinder aber ist das Ereignis noch nicht übersetzt worden. Helga Glania hat viel Liebe reingesteckt.

„Der Kaiser kommt!“ Ach, die Figur zur Erinnerung, der Heusenstamm quasi ein ganzes Veranstaltungsjahr unterordnet, gibt’s jetzt wirklich? Helga Glania lächelt huldvoll, wirbt mit dem Stolz der Schlossstadt und spielt das Spiel noch etwas weiter: „Wer hat ihn denn gesehen?“ Darauf fällt den sechs jungen Heusenstammern vor ihr partout nichts ein. Eine Mutter springt in die Bresche, erinnert, dass die Ereignisse ja immerhin schon 250 Jahre zurückliegen. Und so lange lebt kein Mensch, nicht mal ein Kaiser. Im Herzen des Heimatortes lassen bunte Banner derweil die Vorstellung zu, dass der hohe Besuch erst bevorsteht. Die Stadtführerin vom Förderkreis Balthasar Neumann entführt ein Dutzend Bewohner in die Zeit des Kaiserbesuchs. .

Katja Richter von der Stadtbücherei hat die Aktion angezettelt. Das Kinderprogramm war schon im Wetterpark, bei der Feuerwehr und im Museum für Kommunikation. Jetzt also ist Heusenstamm selbst dran. Die Bibliothekarin begrüßt die Teilnehmer – vom eher mäßig interessierten, weil dösenden Knirps im Sport-Kinderwagen bis zu Großeltern, die ihren Enkel aus der Ferne gerade beherbergen. Ansonsten scheint der Adel gerade nicht so „in“ zu sein bei den Schülern, für die Helga Glania den Spaziergang durch die Schlossstraße vorbereitet hat.

Ein Toter beim Torbau

„Erwachsene schummeln manchmal“, zieht sie den Nachwuchs auf ihre Seite und bestätigt, dass die Kaisermanie freilich schon lange her ist. Sie verbreitet mit ihren Schilderungen von den Vorbereitungen auf den seltenen Besuch aber gleich eine neue. Am Torbau deutet sie auf die Reste der Stadtmauer: „Bis dahin reichte damals das Dorf.“ Beim Bau des mächtigen Tors habe es einen Toten gegeben, verraten die Kirchenbücher. Und das war gerade mal eine Woche, bevor der Monarchen-Tross aus Wien eingezogen ist.

„Dafür haben sie das alte, kleine Tor abgerissen“, erklärt die Historikerin, „also konnte das neue unmöglich rechtzeitig zum Kaiserbesuch fertig gewesen sein.“ Sie deutet noch auf den Schönbornschen Löwen im Wappen über dem Durchlass, ein Zeichen der Macht. „Ich bin auch schon mal mit einer Kutsche gefahren“, wirft einer der jüngsten Zuhörer vor dem ersten Banner in der Unnergass ein.

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Elf Stationen hat die kaiserliche Gesellschaft auf dem Weg gen Frankfurt eingelegt. 500 Mann und 450 Pferde sollen es gewesen sein, Schutztruppe, Bedienstete, Köche und anderes Personal vom Hofe. „Die haben dann vor den Schlössern immer gecampt“, übersetzt Helga Glania die Geschichte für die Vorstellungskraft der Kleinen. „Dann mussten sie ja Proviant für sich und für die Pferde mitschleppen“, und vier Wochen später den ganzen Weg wieder zurück bewältigen!

Und so ein Kaiser sei auch nicht zu beneiden. Der Franz damals, der musste in jedem Ort eine Menge Leute empfangen und ihre Anliegen anhören. An einen relaxten Erholungsurlaub in den reich ausgestatteten Schlössern war nicht zu denken - Dienstreise! Sein Sohn Joseph war nur 23 Jahre alt. Kurz bevor es los ging, waren seine Frau und das neugeborene Kind gestorben. Später musste der neue König eine Frau heiraten, die er gar nicht wollte.

Helga Glania erzählt noch von Heusenstamms geschickten Handwerkern, die St. Cäcilia gebaut haben. Dank den Schönborns sei es den armen Bauerfamilien viel besser gegangen als anderswo, vernehmen die Eltern. Und sind gleich ein bisschen stolzer auf ihre Heimatstadt.

M.

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