Gewinn für beide Seiten

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Pascal Walden „unterhält“ sich per Computer mit Schüler Michael.

Heusenstamm - Sprechen kann Michael nicht. Zivildienstleistender Pascal Walden hält ihm zwei „Knöpfe“ an den Kopf, an jedes Ohr einen. „Wie geht es dir heute?“, möchte Pascal von Michael wissen. Von Sebastian Faerber

Der neigt seinen Kopf zur Seite und drückt so den linken Knopf. Auf dem Bildschirm am Rollstuhl sind mehrere Gesichter zu sehen, die unterschiedliche Stimmungen darstellen. Darunter auch eines mit einem Grinsen. Der schwerbehinderte Junge klickt es mit einem Druck auf den anderen Knopf an. So kann der 15-Jährige mit seiner Umwelt kommunizieren, kann sagen, ob er Hunger hat, und, ganz wichtig, am Unterricht seiner Klasse teilnehmen.

Michael ist einer der Jugendlichen an der „Schule am Goldberg“, die eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigen. 72 Kinder zwischen sieben und 20 Jahren, hauptsächlich mit geistiger Behinderung, werden am Ginsterweg in einer 36-Stunden-Woche unterrichtet. Freiwillige wie Pascal Walden stellen sicher, dass der Betrieb aufrechterhalten bleibt. Doch mit dem Aus für den Zivildienst bangt die Schule um die wertvollen Mitarbeiter, die vielen Schülern erst ermöglichen, sich am Unterricht zu beteiligen. Bereits am 15. Februar verlassen vier Zivis die Schule, für die es bislang keinen Ersatz gibt.

„Die Situation ist für uns ungeklärt“, zeigt sich Birgit Krüger, kommissarische Schulleiterin, ratlos. Ob individuelle Betreuung oder Klassenfahrten: „Das Programm steht und fällt mit dem Personal“, erklärt Krüger. Momentan betreuen jeweils ein Lehrer, ein sozialpädagogischer Mitarbeiter und ein Freiwilliger im sozialen Jahr oder eben ein Zivildienstleistender je eine Klasse, zu der meist bis zu acht Schüler gehören. Wie es ohne Zivis funktionieren soll, kann sich Krüger nicht vorstellen. Nicht nur, dass sie frischen Wind und neue Ideen an den Goldberg bringen. Sie sind in das Programm auch voll eingebunden und übernehmen oft Aufgaben, die sonst keiner machen kann.

Etwa freut sich Krüger über männliche Freiwillige wie Pascal Walden: „Wir haben einige Schüler, die bis zu drei mal am Tag gewickelt werden müssen.“ Manche Schüler sind für weibliche Mitarbeiter einfach zu schwer. „Allerdings steht bei uns der Unterricht im Vordergrund – wir sind kein Pflegeheim“, stellt Krüger klar. Die Zivis stellen mit ihrer Arbeit sicher, dass die Schüler zu ihrem Recht auf Unterricht kommen, wie jeder andere in ihrem Alter auch.

„Das erste Mal Wickeln war schon komisch“, erinnert sich Walden. Doch schnell hatte er sich daran gewöhnt. Die Arbeit im Team half ihm dabei. Neben der Hilfestellung etwa beim Füttern oder bei motorischen Übungen ist seine Aussprache, sein Benehmen und Verhalten Vorbild für die Schüler. Anfangs eine ungewohnte Rolle für den 19-Jährigen: „Wenn eines der Kinder das Spielzeug vom Tisch wirft, denke ich mir schon ‚och Mensch, das muss doch nicht sein‘“. Dann ist ruhiges Gemüt gefragt, was der Abiturient aber gerne aufbringt.

Nach körperlicher als auch menschlicher Belastbarkeit, sucht Birgit Krüger ihre Bewerber aus. „Es kann schon vorkommen, dass einer der Schüler einen spontan umarmt - Angst vor Nähe sollte man nicht haben“, rät sie. Aber die Jugendlichen müssten auch in der Lage sein, auf Distanz zu gehen. Eine Übung fürs Leben. Und ist die Vergütung für einen Freiwilligen auch gering, „wenn die Zivis uns nach ihrer Zeit verlassen, haben sie einen großen Schritt in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gemacht“, so Krüger über den beiderseitigen Gewinn.

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