Holocaust-Überlebende am ARG

„Gib nicht auf, du überlebst“

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Trude Simonsohn

Heusenstamm - Einmal im Jahr lädt die Robert-Kempner-Arbeitsgemeinschaft am Adolf-Reichwein-Gymnasium einen Zeitzeugen des Nazi-Regimes ein. Diesmal sprach Trude Simonsohn, die das KZ überlebt hat, mit den Schülern der Stufe Q3 über ihr Leben. Von Yagmur Tipi

Yagmur Tipi, 18 Jahre alte Schülerin des ARG und kurz vor dem Abitur, berichtet über dieses Gespräch: „Gib nicht auf! Hitler wird draufgehen und du wirst überleben!“ So zitiert Trude Simonsohn einen Maurer, der ihr während ihrer Einzelhaft von außen Mut zugesprochen hat. Und so geschah es dann auch, sodass heutzutage vor allem Schüler von ihrem Schicksal erfahren. Bereits seit vielen Jahren beantwortet Trude Simonsohn eifrig Fragen interessierter Schüler. Und bekam dafür auch den Ignatz-Bubis-Preis für Verständigung. Zu Recht. Die 91-jährige Zeitzeugin der NS-Zeit in Deutschland erzählte ARG-Schülern von ihren Erlebnissen und ihre Schicksalsschlägen.

Geboren im damals demokratischen tschechischen Olmütz, wuchs sie zweisprachig auf. Mit Klassenkameraden spielte sie Lehrern Streiche, Und man half sich gegenseitig beim Abschreiben. Bei diesen Worten strahlt die 91-jährige und erinnert sich gerne an ihre schöne Kindheit. Doch bereits zur Zeit des Münchner Abkommens im Jahr 1938 schlichen sich allmählich antisemitische Vorstellungen auch in die Schulen. Als eine Mitschülerin im Englisch-Unterricht eine Hetzschrift gegen Juden übersetzte und vortrug, bekam sie großen Beifall. Genau in diesem Moment realisierte Simonsohn, was ihr und den anderen jüdischen Mitmenschen bevorstehen würde. Ihre vermeintlichen Freunde sahen weg und kannten sie plötzlich nicht mehr. Bei den ARG-Schülern ist das Mitgefühl für Trude Simonsohn deutlich zu spüren. Ihr Vater wurde zu Kriegsbeginn verhaftet, zunächst ins KZ Buchenwald gebracht, danach nach Dachau. Im Sommer 1942 musste Trude Simonsohn selbst wegen angeblichen Hochverrats für sechs Monate ins Gefängnis. Dort erfuhr sie vom Tod ihres Vaters. „Ich hatte das Gefühl, niemanden mehr zu haben im Leben“, sagt Trude Simonsohn.

Zufälle, die vor dem Tod bewahren

Im dem Raum im ARG ist es still. In dieser Zeit habe sie mit Selbstmordgedanken gespielt. Nur die ermutigenden Worten des Maurers hätten sie am Leben gehalten. Solche Momente nennt Simonsohn als „Mosaiksteinchen“ in ihrem Leben. Es sind Zufälle, die sie vor dem sicheren Tod bewahren und ihr das Leben wieder schenken. Sie kam ins KZ Theresienstadt, wo sie ihrer Mutter wiederbegegnete. „Das war eine große Erleichterung für mich“, betont sie. In Theresienstadt lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen und fügte zaghaft hinzu, dass sie glücklich gewesen ist, dass sie ihn ihrer Mutter noch vorstellen konnte. Anschließend wurde sie nach Auschwitz deportiert. Den Anblick des Arztes Mengele kann sie bis heute nicht vergessen. Dieser hob den rechten, dann mal wieder den linken Daumen, das entweder für Tod oder Arbeit stand. Trude Simonsohn erzählt von den Duschen im KZ sowie den Kleiderkammern und dem Appellstehen mit Musik. Der einzige Gedanke, den sie noch hatte, war der Wunsch tot umzufallen. „Eine Seele, die Schmerz nicht aushalten kann, wird ohnmächtig“, beschreibt sie Erinnerungslücken, die sie in Bezug zu Auschwitz hat.

Nach ein paar Tagen kam sie ins KZ Merzdorf. Der Lagerälteste kennzeichnete sie jedoch nicht mit einem roten Streifen auf dem Rücken, an denen man Juden erkennen sollte, sodass sie als Tschechin arbeiteten. Ein weiterer „Mosaikstein“ in ihrem Leben, der sie gerettet hat.

Trude Simonsohn hat als einzige ihrer Familie überlebt. Ihren späteren Mann hat sie wiedergefunden: „Doch man ist nicht mehr derselbe Mensch, wenn man durch die Hölle gegangen ist.“

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