„Glatzer Rosen“ aus Heusenstamm

Babbel-Café dreht sich um die Geschichte der Glasschleifereien

Fröhlich swingend unterhält das Jazz-Ensemble der Stadtkapelle die Gäste des Babbel-Cafés im Haus der Stadtgeschichte.
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Fröhlich swingend unterhält das Jazz-Ensemble der Stadtkapelle die Gäste des Babbel-Cafés im Haus der Stadtgeschichte.

Nur rund vier Jahre lang blieben die Brüder Kiewe in Heusenstamm, dann wurde es ihnen vermutlich zu gefährlich. Doch sie haben Spuren hinterlassen, die noch lange nachwirken sollten. Um die Glasschleiferei in der Schlossstadt drehte sich das jüngste Babbel-Café, zu dem der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) eingeladen hatte.

Heusenstamm – Es waren Zeitzeugen und Interessierte, die den Weg ins Haus der Stadtgeschichte gefunden hatten. Einer der Gäste, Carl Heinz Hartmann, konnte sogar Besonderes dazu erzählen. Denn er wurde in England geboren, genauer im walisischen Cardiff. Und „schuld“ daran waren jene Brüder Kiewe.

1928 haben die Brüder an der Eisenbahnstraße in Heusenstamm die „Süddeutsche Glasfabrik“ eröffnet. Wertvolles Kristallglas wurde dort hergestellt. Viele der Arbeiter hatten die Unternehmer in Schlesien angeworben, wusste Gernot Richter vom HGV zu berichten. Aber auch Heusenstammer fanden dort Anstellung.

1932 aber müssen die Kiewe-Brüder wohl erkannt haben, dass Menschen jüdischer Herkunft im zunehmend nationalsozialistischen Deutschland keine gute Zukunft haben würden. Also entschlossen sie sich, nach England auszuwandern. Einige ihrer Arbeiter nahmen sie mit zum Aufbau ihrer neuen Fabrik in Watford, das im Nordwesten Londons liegt. Zu diesen zählte Kurt Hartmann, der während seiner Wanderschaft in die Schlossstadt gekommen und dortgeblieben war.

Kurt Hartmann lernte während seiner Zeit in England eine Waliserin kennen und heiratete sie. Carl Heinz Hartmann ist ihr Sohn. Die kleine Familie kehrte durch den Zweiten Weltkrieg zurück nach Heusenstamm. Etwa zwei Jahre nach dem Krieg eröffnete Kurt Hartmann seine eigene Glasschleiferei an der Borngasse. „Hartmann und Raumacker“ hieß die Kristallglas-Raffinerie, die noch lange bestand.

Über die Firma der Brüder Kiewe konnte auch Alice Staab berichten. Ihre Schwiegermutter Josefine Staab, Ehefrau von Johann Staab, der Präsident der Oberpostdirektion Frankfurt, hatte bei Kiewe im Büro gearbeitet. So sei ihre Schwiegermutter ortsbekannt gewesen für ihre Gutmütigkeit, berichtete sie. Wenn sich ein Arbeiter an einem Werkstück verschliffen hatte, strich man ihm den Monatslohn. Josefine Staab kaufte den Pechvögeln dann die Stücke ab, damit sie Geld zum Leben hatten.

„Glatzer Rose“ hieß im Volksmund das Haus Schlossstraße 47. Der Vater von Arno Grieger, August Grieger, hatte die Worte einst auf die Hauswand schreiben lassen, als diese neu verputzt werden musste. Die „Glatzer Rose“, eigentlich ein Ranunkelgewächs mit dem offiziellen Namen Trollblume, zierte viele Teller, Vasen und andere Gefäße aus Kristallglas. In der schlesischen Grafschaft Glatz kommt die buttergelbe Blume sehr oft vor, ist dort zum Symbol geworden. „Es ist eine Rose ohne Dornen“, betonte Arno Grieger. Die Blüte zählte zu den Mustervorlagen.

Auf Initiative der „Grieger-Buben“ hatten die Mitarbeiter die Süddeutsche Glasfabrik nach dem Weggang der Kiewes kurzerhand übernommen. Von England aus hatten diese Insolvenz für den Betrieb angemeldet. Bis in die 1960er Jahre wurde in dem Betrieb noch gearbeitet, nach dem Krieg zunächst an der Schlossstraße, später an der Frankfurter Straße. Unter anderem hatte man Aufträge der Firma Rosenthal. Auch den Auftrag, ein Gläser-Set für den damaligen Schah von Persien – Schnaps-, Sherry-, Wasser-, Weiß- und Rotweingläser.

Die Belegschaft seien zum großen Teil sehr junge Männer gewesen, berichtete Arno Grieger den Zuhörern im Haus der Stadtgeschichte noch. Viele von ihnen seien auch in den Heusenstammer Vereinen aktiv gewesen, beim Gesangverein Konkordia etwa, bei den Turnern und dem heutigen Blasorchester. Und es habe in der Glasschleiferei eine stark gewerkschaftlich orientierte Gruppe gegeben.

Von einer größeren Ladung Cola-Flaschen werde immer wieder mal in diesen Zusammenhängen erzählt, erinnerte HGV-Vorsitzender Roland Krebs. Dies konnte Carl Heinz Hartmann aufklären: „Nach dem Krieg haben die Amerikaner diese Flaschen gebracht. Sie wurden abgeschliffen und Gläser daraus hergestellt.“

„Unterbrochen“ wurde das Babbel-Café vom Jazz-Ensemble der Stadtkapelle, das im Freien ein kleines Konzert gab. Bei „Down By The Riverside“ oder „All Of Me“ genossen nicht nur die Zuhörer die Darbietungen. „Das war unser erster Auftritt seit mehr als eineinhalb Jahren“, freute sich auch Ralf Zenker vom Vorstand des Heusenstammer Vereins. (Von Claudia Bechthold)

Kristallene Zeugen der Heusenstammer Geschichte zeigen Alice Staab und Gernot Richter den Zuhörern im Babbel-Café.

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