Erste Proben im Parlament

Rückblick auf 167 Jahre Konkordia

+
Auch eine musikalische Kostprobe gab es beim Vortrag über die Konkordia.

Heusenstamm - Ein Stück lebendiger Geschichte präsentierte der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) gemeinsam mit dem Gesangverein Konkordia. Von Jürgen Roß 

In der Vortragsreihe zur Dauerausstellung im Haus der Stadtgeschichte haben Bernd Krostewitz, Vorsitzender der Konkordia, und Gernot Richter einen Blick auf 167 Jahre musikalischen und gesellschaftlichen Wirkens geworfen. Mit klassischer Chorliteratur für einen Männerchor werden die Besucher in der Vortragsreihe des HGV eingestimmt. „Heimat“, von Ernst Hansen intonieren die Sänger des altehrwürdigen Heusenstammer Gesangvereins. Deutlich wird an diesem Nachmittag, dass es gerade das Vereinsleben ist, das einen Ort zur Heimat macht.

Gernot Richter skizziert die turbulenten Anfänge der Konkordia im 19. Jahrhundert. 1849 gegründet, ist sie der älteste Gesangverein in Heusenstamm und hat fast 170 Jahre Ortsgeschichte mitgeschrieben. Unter misstrauischer Aufsicht der Regierenden und des örtlichen Pfarrers standen die ersten jungen Männer, die sich als Chor zusammenfanden. Ein Chor, der kein geistliches Liedgut präsentiert und sich modernen politischen Ansichten öffnet, war in gewisser Weise eine Revolution. Die Sänger trafen sich in dem damals ebenfalls neu eröffneten Gasthaus „In der deutschen Reichskrone“, das später wegen seiner politisch interessierten Besucher nur noch „Zum Parlament“ hieß. Und es sind Persönlichkeiten der Ortsgeschichte, die eng mit dem Gesang verbunden sind. „Lehrer Heinrich war einer der Mitbegründer und Dirigent des jungen Vereins“, erläutert Richter.

Das fünfzigjährige Vereinsbestehen kurz vor der Jahrhundertwende wurde über drei Tage hinweg gefeiert. Mit Laternenumzug, Sängerwettstreit und Weckruf – morgens um 5 Uhr und anschließendem Frühschoppen. Mit den beiden Weltkriegen und durch die Nazi-Diktatur kam auch das kulturelle Leben zum Erliegen. Ein Rechtsstreit in den 30er Jahren und das Verbot durch die Nazis bedeuteten das vorläufige Ende des Männerchors, der politisch der jungen Sozialdemokratie nahestand. Erst 1946 gelang es den Mitgliedern um den Vorsitzenden Josef Wiedemann die Militärregierung zu überzeugen, dass der Verein sich wieder zum Singen treffen durfte. Wie sehr die Sicht von Historikern und Zeitzeugen auseinander geht, wird deutlich, als Richter die These aufstellt, dass die Menschen der Nachkriegszeit die Kriegsverbrechen bewusst verdrängt und vergessen hätten. Krostewitz, der diese Zeit selbst erlebt hat, schildert die Stimmungslage der Menschen: „Den Krieg konnte man gar nicht vergessen oder verdrängen, er war allgegenwärtig und um überhaupt weiterleben zu können, waren unbeschwerte Stunden für das Gemeinwohl notwendig“. Es sind Meilensteine, die in den Nachkriegsjahren durch die Konkordia gesetzt werden. Unter dem Dirigenten Hermann Wurm wird die Operette „Die Winzerliesel“ aufgeführt, die fünf Vorstellungen sind ausverkauft. Dass diese Aufführung bis heute bei alten Heusenstammern lebendig in Erinnerung ist, zeigt die Bedeutung des kulturellen Lebens in der Gemeinde.

Die schönsten Plätze in Heusenstamm: Bilder unserer Leser

In ihrer langen Geschichte kann die Konkordia auch auf eine große Kontinuität bei Vorständen und Dirigenten zurückblicken. Mit Hermann Gesser, der von 1949 bis 1986 den Chor leitete und Ronald R. Pelger, der ebenfalls schon auf eine 30-jährige Wirkungszeit zurückblicken kann, ist die große Beständigkeit gegeben, die aber auch immer auf Veränderungen reagiert. Wie die meisten Musikvereine hat auch die Konkordia in der Nachkriegszeit wesentlich zur Versöhnung mit den europäischen Nachbarn beigetragen und über Partnerschaften zu Chören in Prag und Steyr nicht nur musikalische Freundschaften geknüpft. Deutlich wird, wie bedeutsam das Vereinsleben für die Entwicklung der Schlossstadt war und ist. Zum Abschluss gibt der Männerchor noch eine musikalische Kostprobe.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare