Theater 

Theatergruppe Spunk: Helikopter-Eltern mit digitaler Inkontinenz

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Lächeln fürs Gruppen-Selfie: Beim neuen Stück des Theaterensembles Spunk war auch das Publikum gefragt. Foto:

Spunk – das sind die, die von Kopf bis Fuß, mit Herz und Seele in noch so fremde Rollen schlüpfen, klassische Stücke überzeugend rüberbringen. In ihrem aktuellen Programm spielen sie sich selbst.

Heusenstamm – Dabei können sie nicht den politisch interessierten Staatsbürger in sich, den Pädagogen und den Juristen in ihren Reihen leugnen. Es gereicht ihrem Publikum zum tiefsinnigen Vergnügen.

Viele Jahre hat sich die Gruppe in die Gedankenwelt von verschiedenen Autoren versetzt, deren Werke interpretiert und mit viel Einfühlungsvermögen ihre Botschaften vermittelt. Jetzt war es an der Zeit, die eigene Lebenserfahrung zu verarbeiten und eigene Beobachtungen auf die Bühne zu bringen. Die Freunde, die sich zu Schulzeiten in der Schlossstadt kennen gelernt haben, erzählten im Bannturm in kurzen Szenen, was offenbar auch ihr Publikum bewegt.

Der Slapstick-Film zum Start fordert aber auf, auch Klimawandel und Populismus mal wegzupacken und den Deckel zuzumachen, auch wenn’s drin streng riecht. Gegen Alexa, die Gesprächspartnerin im Computer, hat der Hausmann sowieso keine Chance: Sie mag nun mal nicht den angeforderten Schlager spielen, kündigt dafür sämtliche Verträge ihres Besitzers …

Also müssen Lehrer erstmal über künstliche Intelligenz aufklären – um festzustellen, dass schon bei der Erziehung so mancher Politiker etwas schief gelaufen sein muss. Die geplagten Pädagogen warnen eindringlich vor Whatsapp-Gruppen von Eltern, in denen sich Helikopter-Mütter und -Väter mitteilen, dass ihr Spross gefrühstückt oder einen Schnupfen hat. Angesichts „digitaler Inkontinenz“, klagen die Geschädigten, „hoffst du auf ein Funkloch“.

Dann nehmen sie die Flut der Quiz-Shows und Krimis aufs Korn, beginnen eine Vernehmung von Opfer und Zeugen in einer Polizeistation in Phoenix, Arizona in den 60er-Jahren. Die aufmerksamen Besucher im Bannturm springen sofort auf den Zug auf, melden sich artig und nennen die Fehler im Verhör. „Wir wollen nur mal testen, ob sie bei der Sache sind“.

Natürlich ist auch das „ernsthafte Anliegen, über Frauen zu sprechen“, mit einem Augenzwinkern zu sehen. „Was meine Frau Ihnen sagen will ...“, unterbricht der gut meinende Ehemann besserwissend. Sie teilen sich die Hausarbeit fair auf – außer bügeln, versteht sich. „Kein Mann bügelt!“ Auch beim Einkaufen und bei der Kindererziehung treten männliche Defizite zutage. Welch’ Schock, als er erfährt, dass sie einen besser bezahlten Job gefunden hat und er nun daheim bleiben muss.

Dass manche Erziehungsberechtigte nur mit dem Strafverteidiger zum Eltern-Gespräch in die Schule kommen, ist fast schon ein alter Hut. „Es liegt am Elternhaus“, betont die Lehrerfraktion. Und von wegen „ehrlich, sauber, organisiert und pünktlich“. Ein Showmaster widerlegt die Eindrücke, die das Ausland von Germany hat, mit der Fußball-WM 2016, dem VW-Diesel-Skandal, dem Berliner Flughafen und der Bahn. Für eine fatale Kausalkette werden die Köpfe von Dieter Bohlen, Uli Hoeneß, Helene Fischer und Greta Thunberg an die Wand geheftet. Und im „Hintergrund“ der Promis ist das Konterfei der Kanzlerin zu erkennen.

Spunk-Kopf Dr. Christoph Eckert verliest eine „Klageschrift“ an „die Jugend“, die sich einfach nicht für die Kultur erwärmen will, lieber in Facebook versucht herauszufinden, „wer bin ich“. Viele Profilfotos seien verfälscht, das beweist der Chef gleich mit einem Gruppen-Selfie im Turm.  m

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