Umweltschutz

20 Hektar Wald sind vernichtet: Freie Wähler informieren sich bei Spaziergang über Zustand der Natur

Einen ausgedehnten Info-Spaziergang haben die Freien Wähler Heusenstamm gemeinsam mit Forstamtsleiter Melvin Mika, Ralf Sehr vom Forstamt und dem Naturschutzgebiet-Beauftragten Dietmar Tinat unternommen.
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Einen ausgedehnten Info-Spaziergang haben die Freien Wähler Heusenstamm gemeinsam mit Forstamtsleiter Melvin Mika, Ralf Sehr vom Forstamt und dem Naturschutzgebiet-Beauftragten Dietmar Tinat unternommen.

Wie sieht der Wald der Zukunft aus? Zur Beantwortung dieser Frage ließen sich Mitglieder der Freien Wähler Heusenstamm (FWH) bei einem Rundgang zunächst den aktuellen Zustand erläutern. Am Kultur- und Sportzentrum Martinsee begrüßte Vorstandssprecher Matthias Fisch den Leiter des Forstamts Langen, Melvin Mika, den Forstamtsmitarbeiter für Naturschutz Ralf Sehr und den Forstpaten und Schutzgebiet-Betreuer Dietmar Tinat.

Heusenstamm – „Die Folgen des Klimawandels sind unübersehbar“, stellt Melvin Mika eingangs klar. Wetterextreme wie Starkregen, Sturm und Trockenheit seien auch im Heusenstammer Wald „sehr deutlich zu spüren“. Ist es ein Grad wärmer, erhöhe das die Windgeschwindigkeit um 20 Kilometer pro Stunde, gab der Leiter ein Beispiel und erinnerte an den Sommer 2018, den trockensten, der bisher gemessen wurde. „2019 ging’s so weiter“, erneut sorgten Orkane für enorme Schäden. Auf der Gemarkung der Schlossstadt fielen rund 10 000 Kubikmeter Holz, 20 Hektar Wald seien vernichtet, verdeutlicht der Forstamtsleiter.

Auch das vergangene Jahr war zu trocken, der Regen in diesen Wochen mache die Fachleute „verhalten optimistisch“, reiche aber nicht aus. Der Wald-Zustandsbericht fürs Rhein-Main-Gebiet weise lichte Kronen bei 39 Prozent aller Bäume aus, bei der Eiche sei es jede zweite, bei der Buche sehe es noch schlimmer aus. 2019 sei der Holzpreis auf ein Drittel gefallen, zu viele Stämme mussten gefällt und abtransportiert werden. Das Stapeln in den wenigen bestehenden Nasslagern sei nur begrenzt möglich gewesen, also ging viel Material nach China, Kanada und die USA, wo das natürliche Material durch Waldbrände vernichtet wurde.

Kiesabbau noch maximal zwei Jahre

Das kleine Gewässer Martinsee war lange verpachtet und soll nun umfassend renaturiert werden, heißt es weiter. Da die Entwässerung des Sportzentrums dort eingeleitet werde, sei der Nitratgehalt hoch.

Der Kiesabbau rund hundert Meter weiter werde „maximal noch zwei Jahre“ fortgesetzt, sagt Dietmar Tinat. Die Gruben können allerdings nicht komplett verfüllt werden, fremder Boden dürfe nicht verwendet werden. Wichtig sei, dass die Brutplätze der 60 bis 80 Paare der Uferschwalbe am Steilhang erhalten bleiben.

Schon vor dem ersten Baggerbiss musste ein Rekultivierungsplan vorgelegt werden, ergänzt Ralf Sehr, regelmäßig diskutieren die Behörden eine aktuelle Bestandsaufnahme. Die erforderliche Renaturierung wegen dieses Eingriffs in die Natur lief seinerzeit in Raibach im Odenwald, „wir in Heusenstamm haben davon nichts“, kritisiert Tinat diese Aufforstung.

Diplodiapilz als Gefahr für die Bäume

Zurück im Wald beantwortet Ralf Sehr Fragen aus dem Kreis der zwei Dutzend Teilnehmer. Die Fichte sei noch mit einem Prozent auf den Flächen vertreten, spiele also keine Rolle mehr, weil sie nicht ins Flachland passe. Bei toten Bäumen müsse abgewogen werden, ob sie gefällt werden oder stehen bleiben, „um 100 000 Lebewesen neuen Raum zu bieten“. So richte sich die Mopsfledermaus gerne hinter der Rinde ein.

Den Diplodiapilz macht Melvin Mika verantwortlich dafür, dass viele Kiefern eingehen. Die milden Winter und heißen Sommer eröffneten dem Schädlinge ideale Bedingungen, er lasse die Nadeln braun werden und absterben. Die Mistel als parasitärer Organismus hingegen sorge dafür, dass Kiefern verdursten, da sie die Kapillare der Bäume selbst im trockenen Sommer offen hält. Dennoch bemühen sich die Forstleute, diesen Baum neu anzusiedeln. Der Oberboden werde abgeschabt, damit die Wurzeln der Jungpflanzen besser die tiefere Mineralschicht erreichen. Dem Klimawandel könne auch die französische Eiche widerstehen, die gerade auf der Rodgauer Seite gesetzt wurde. Auch die Douglasie habe in der Region Fuß gefasst, nennt Ralf Sehr weitere Chancen. (Von Michael Prochnow)

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