80. Geburtstag

„Sie ist streng, aber sehr lieb“ - Leseomi der Adalbert-Stifter-Schule feiert Geburtstag

+
Einen Schokoladenkuchen schenkten die Drittklässler ihrer Leseomi Edith Knopp zur Geburtstagsfeier mit Bürgermeister Halil Öztas. 

Edith Knopp, Leseomi an der Adalbert-Stifter-Schule feiert ihren 80. Geburtstag. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin begleitet schwächere Schüler im Fach Deutsch.

Heusenstamm – Die 3b feiert Happy Birthday. Die Klasse lässt Edith hochleben, im zweiten Stock der Adalbert-Stifter-Schule (ASS) überreichen die Schüler dem Geburtstagskind ein Buch mit Bildern von allen. Sogar Bürgermeister Halil Öztas ist gekommen, hat Blumen mitgebracht, auf einem Rührkuchen in Herzform ist aus Schokolinsen die Zahl „80“ gelegt. So alt wurde Edith Knopp nämlich Anfang des Monats. Sie ist eine der Leseomis an der Grundschule, obwohl sie seit ihrem Start 2013 noch nie vorgelesen hat, wie sie verrät.

Die ehrenamtliche Mitarbeiterin aus den Reihen der Bürger- und Seniorenhilfe Heusenstamm (BSH) begleitet schwächere Drittklässler in Deutsch, verbessert Fehler beim Sprechen und Schreiben. Auch auf eine gute Schrift achtet die Fränkin penibel. Anfangs hat sie auch Mädchen und Jungen mit Schwierigkeiten in Mathe gefördert. Weil sie jetzt aber nur drei statt vier Stunden in der Grundschule tätig ist, konzentriert sie sich auf den Lehrstoff zur Sprache.

Und da macht ihr keiner ein X für ein U vor. Schließlich war sie 40 Jahre bei der Zeitung tätig: Bei der Frankfurter Neuen Presse hat sie am Telefon die Texte von Reportern entgegengenommen, vor allem im Sport. Am Wochenende tippte sie die Spielberichte aus den Stadien in rasender Geschwindigkeit in die Schreibmaschine, sodass sie noch am selben Tag in der „Abendpost Nachtausgabe“ zu lesen waren – damals die schnellste Informationsquelle im Land, erzählt Edith Knopp stolz.

Auch von Olympischen Spielen und Fußball-Weltmeisterschaften hat sie bis 2002 Manuskripte abgeschrieben. Dann ging sie zwar in Rente, blieb aber weiter aktiv, engagierte sich an der Günderrodeschule in Frankfurt. „In manchen Klassen saßen nur Kinder mit Migrationshintergrund“, schildert sie. Ihnen half sie, Deutsch in Schrift und Sprache zu beherrschen und sich so leichter zu integrieren.

„Cool, dass sie da ist“, sagt Mohammed, „sie ist streng, aber auch sehr lieb und hilft mir bei Problemen“. Julian ergänzt, „sie zeigt, wie man besser schreiben kann“. Jona schätzt ebenfalls ihre „vielen Ideen, wie man Sätze formuliert“. Peer findet Edith hilfsbereit: „Sie radiert alles weg, was nicht schön geschrieben ist“. Klassenlehrerin Birgit Knapp kann sich die Stunden ohne ihre Assistentin gar nicht mehr vorstellen. „Es geht eigentlich nicht mehr ohne Hilfe“, betont die Pädagogin, „das Unterrichten wäre viel komplizierter“.

Befände sich nur ein Lehrender im Raum, „blieben viele Kinder auf der Strecke“, und zwar schwächere wie auch stärkere. Der zweiten Gruppe würden Zuwendung und angemessene Aufgabenstellungen fehlen, würde sich die Lehrerin jenen widmen, die den Stoff noch nicht verstanden haben. Diesen Part übernimmt eben Edith Knopp. Grundsätzlich sieht sie die Deutschkenntnisse des Nachwuchses kritisch, „manchmal erschütternd“.

Neben ihr unterstützt noch eine Dame von der Bürger- und Seniorenhilfe die Hausaufgabenhilfe, weitere helfen bei Projektarbeiten, informiert die BSH-Vorsitzende Karin Keller. Das Engagement in Kindergärten und Schulen sei ihrer Gemeinschaft sehr wichtig.

Die Jubilarin stammt aus Fürth. 1947 kam sie mit ihren Eltern nach Frankfurt-Höchst, erzählt sie. Dort lebte sie bis zu ihrer Heirat 1963, mit ihrem Mann zog sie nach Sachsenhausen. Nach zehn Jahren starb er, Edith Knopp blieb mit zwei Kindern zurück. Als die beiden älter waren, stieg sie wieder ins Berufsleben ein. „Heusenstamm hat mir schon immer gefallen“, schwärmt sie. Darum zog die Seniorin 2013 in die Nähe einer Freundin an die Frankfurter Straße.

Rektorin Christiane Knickel empfing die Neubürgerin mit offenen Armen. Dass sie für ihren Einsatz bis in die zweite Etage klettern muss, stört die 80-Jährige wenig: „Das ist etwas Mühe, aber es hält fit, und die Arbeit mit den Kindern macht mir Spaß“, betont sie lächelnd.

Mittlerweile trifft sie beim Einkaufen Teenager, die sie mit den Worten „kennen Sie mich noch?“ grüßen. Klar, die ersten Schüler, die sie begleitete, sind inzwischen 15 und 16 Jahre alt, rechnet die Ruheständlerin vor. „Ihren“ Drittklässlern hat sie Brezeln und Fruchtsaft mitgebracht. Staunend packt sie Geschenke aus, nimmt überrascht Glückwünsche und Lob vom Bürgermeister entgegen. Die Zeitung hat sie eingeladen, „weil wir noch mehr Rentner und Pensionäre für die Kinder gewinnen wollen“.

Der Artikel entstand vor der aktuellen Entwicklung durch das Coronavirus.

Von Michael Prochnow

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare