Von Erpresser zum Überfall geschickt

Arbeitsloser muss nach Raub in Kiosk für 20 Monate ins Gefängnis

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Heusenstamm: Arbeitsloser muss nach Raub in Kiosk für 20 Monate ins Gefängnis.

Wegen Raubes mit Körperverletzung verurteilte das Schöffengericht in Offenbach jetzt einen 30-Jährigen zu einer Haftstrafe von 20 Monaten ohne Bewährung. Der geständige Mann hatte einen Kiosk an der Frankfurter Straße in Heusenstamm überfallen. 

Heusenstamm – Der Angeklagte erscheint in Handschellen, obwohl das Gericht den Haftbefehl außer Vollzug gesetzt hatte. Doch der Mann, der in einer Obdachlosenunterkunft lebte, hatte die Meldeauflagen nicht erfüllt, weshalb ihn die Polizei vor zwei Monaten festnahm.

Staatsanwalt Christian Dilg wirft dem Angeklagten vor, am 18. Juli vergangenen Jahres in dem Kiosk die Verkäuferin vor seinem Griff in die offene Kasse so geschubst zu haben, dass sie gegen das Regal und zu Boden fiel. Als Motiv nennt er, der Mann habe „vermeintlich bestehende Schulden“ bezahlen wollen. Rechtsanwältin Warda Tajjiou erklärt für ihren Mandaten, die Vorwürfe träfen im Wesentlichen zu, „er täuschte den Kauf einer Zeitschrift vor, damit die Kasse aufspringt“.

Der Angeklagte selbst führt aus, er habe sich mit einem Kumpel in Heusenstamm getroffen, der wiederum Bekannte mitbrachte, bei denen er zwei bis drei Gramm Amphetamin bestellt haben will. Diese hätten dann jedoch behauptet, er habe ein ganzes Kilo geordert, für das man 5000 Euro haben wolle, „das Kilo haben sie mir aber nicht gezeigt“. Man habe ihn geohrfeigt und weitere Schläge angedroht, wenn er das Geld nicht besorge.

Die Erpresser hätten auch einen von ihm zu verübenden Überfall auf einen Juwelier ins Spiel gebracht. Schließlich habe man ihn am nächsten Tag in den Kiosk geschickt. Doch zunächst habe ihn der Mut verlassen. Erst beim zweiten Versuch habe er die Verkäuferin von der Kasse gestoßen. Er wisse nicht, wie viel Geld er genommen habe. Er sei dann Richtung Bürgermeister-Kämmerer-Straße gerannt.

Dass die Polizei diese Schilderung des Täters als wahr einschätzt, liegt vor allem an der Aussage eines Angestellten des Kiosks, der während der Tat in einem Hinterzimmer stand und die Verfolgung aufnahm, als die Frau an der Kasse schrie. Er gab an, eine Person aus einer Gruppe habe den Flüchtenden vor einem Taxis geschlagen. Seine Frage nach dem Grund sei nicht beantwortet worden. Die Männer seien dann eingestiegen und davon gefahren. Er habe den Täter bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten.

Die von Anwältin Nicole Gödde betreute Geschädigte, eine 17-jährige Schülerin, sagt auf Nachfrage von Richter Manfred Beck, körperlich habe sie von dem Sturz nur einen blauen Fleck davon getragen. Erst später seien Angstgefühle gekommen, erzählt die sichtlich belastete junge Frau. Deren Chefin berichtet, ihre Aushilfskraft habe versucht, am nächsten Tag weiter zu arbeiten, „das ging dann doch nicht“. Sie beziffert den materiellen Schaden auf 320 Euro, „die Versicherung hat alles bezahlt“.

Der Arbeitslose ohne abgeschlossene Ausbildung stand bisher einmal wegen Diebstahls und fünfmal wegen Schwarzfahrens vor Gericht.

Wegen der Tatumstände sieht Anwältin Tajjiou einen minder schweren Fall von Raub – „er entschuldigt sich von Herzen und der Schaden ist relativ gering“ – und hält acht Monate Haft mit Bewährung für ausreichend. Dagegen sieht Staatsanwalt Dilg keine positive Sozialprognose. Für Raub mit Körperverletzung fordert er 20 Monate Gefängnis ohne Bewährung.

Richter Beck und die beiden Schöffen folgen auch noch Dilgs Forderung nach 320 Euro Schadensausgleich. Beck erklärt, das Gericht sähe durchaus, dass der Angeklagte erpresst worden sei, „aber sie hätten zur Polizei gehen müssen, statt einen Raub zu begehen“. 

VON STEFAN MANGOLD

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