Auch Partnerschaftsverein plagen Nachwuchssorgen

Zu Besuch in Tonbridge

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Die High Street ist die Frankfurter Straße von Tonbridge. Sie bildet als Nord-Süd-Achse das Rückgrat des Städtchens. Dort reiht sich Geschäft an Geschäft.

Heusenstamm – Der Vater der berühmten englischen Schriftstellerin Jane Austen wurde hier geboren. Er lernte und lehrte an der Tonbrige School in Heusenstamms gleichnamiger Partnerstadt. Und wer vor deren Mauern steht, der möchte noch einmal zur Schule gehen. Von Michael Prochnow

David Packer (von links), Vorsitzender des Kreises, Annabelle und Anthony Hayward sind fast von Beginn dabei.

Und Harry-Potter-Fans fühlen sich nach Hogwards versetzt, eine Burg mit Zinnen, Türmen, hohen, gotischen Fenstern und schweren Holztüren und mit vorgelagerter Kapelle und Rektor-Haus. Seit 35 Jahren währt die Partnerschaft Heusenstamms mit Tonbridge. Grund genug, dem kleinen Städtchen an den Armen des Flüsschens Medway in der Grafschaft Kent einen Besuch abzustatten. Von der Station London Bridge dauert es eine gute dreiviertel Stunde mit dem Zug der South-Eastern-Gesellschaft. Vom Bahnhof geht es leicht bergab auf die High Street, die Hauptschlagader des Orts. Auf rund einer Meile reihen sich dort kleine Geschäfte aneinander, Pubs, Cafés, Bio-Läden, Mobilfunk-Agenturen und ungewöhnlich viele Immobilien-Makler. Über dem Medway erheben sich die Reste einer Burg, die es in sich hat. Sie beherberg nicht nur die Touristen-Information, sondern auch Rittersäle und Folterkammern, die der Besucher bei einer Führung zu sehen bekommt.

Ein Stück weiter die Straße rauf kehren am späten Nachmittag bei drei Grad und leichtem Schneefall Schüler in kurzen Hosen vom Joggen zurück in ihre „Burg“. Die ersten Mauern der Schule wurden 1553 im viktorianisch-gotischen Stil errichtet. Hinter dem mächtigen Gebäude öffnet sich eine weitläufige Parkanlage. Zurück Richtung Stadtmitte stößt man auf das Fachwerk-Ensemble „The Chequers Inn“ und „Cobleys Shop“, gegenüber liegt das Hotel „Rose and Crown“, im 17. Jahrhundert als Poststation gebaut.

Am Ufer des Medway stehen moderne Appartement-Häuser, manche mit Bootssteg.

In dem Restaurant haben sich Vorsitzender David Packert sowie Annabelle und Anthony Haywood vom Freundschaftskreis Heusenstamm getroffen. Sie erinnern sich gut an die Anfänge der Partnerschaft. Haywoods Sohn nahm mit der privaten Judd School 1980 am ersten Austausch teil und war im Haus des heutigen Vorsitzenden der Heusenstammer, Ulrich Höffken, untergebracht. Dessen Familie besuchte bald darauf die Haywoods, verbrachte „sehr schöne Tage“ in der Grafschaft Kent. Dann reisten Haywoods mit Höffkens in den Schwarzwald. Sohn Christopher sang in einem Musical mit der Tonbridge Philharmonic Society (TPS), sie knüpfte Kontakt mit dem Kirchenchor in Rembrücken und sang mit diesem die Haydn-Messe – mit Ex-Bürgermeister Josef Eckstein an der Orgel. Auch die Rembrücker reisten nach England, es folgte ein Konzert im Sportzentrum Martinsee. Der Charakter der Philharmoniker passte jedoch eher zum Stil der evangelischen Kantorei, so entstand eine fruchtbare Verbindung, die bis heute Bestand hat. Die Sänger aus der Schlossstadt haben sich zu ihrem inzwischen 30. Treffen ausgerechnet über den Termin des drohenden Brexits in England verabredet. Der 29. März ist zugleich Anthonys Geburtstag, verrät seine Ehefrau. Auch Kent habe sich mehrheitlich für den Austritt entschieden – außer das nahe Tunbridge Wells. „Die Freundschaft hat nichts damit nicht zu tun“, versichert David Packer.

Bilder: Bunter Mittelaltermarkt in Heusenstamm

Etwa 70 Mitglieder zählt die Gruppe in Tonbridge, die meisten sind von Anfang an dabei. Gründer war Peter Adam, der nach dem Krieg in Deutschland stationiert war, informiert Packer. Seit 1996 ist er Chairman im Friendship Circle. „Heute lehren viele Schulen nicht mehr Deutsch“, erkennt Annabelle ein Problem der Verbindung. Die beiden 78-Jährigen begleiten neben dem Schüleraustausch der Judd-Jungen-Schule mit dem Adolf-Reichwein-Gymnasium auch Ausflüge und die Treffen.

Ein anderes Problem sei der Nachwuchs. „Es ist sehr schwierig, jüngere Leute zu gewinnen“, formuliert David, „aber wir wollen weitermachen und hoffen, dass sich aus dem Kreis der Schüler neue Leute finden.“ Der Kontakt mit Frankreich sei schon eingeschlafen, aber mit Heusenstamm bestehen seit Jahren enge Freundschaften.

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