Erfolgreich mit Handicap

Leonardo Stiplovsek schafft den Sprung vom Förderschüler zum Abteilungsleiter

Leonardo Stiplovsek räumt Ware im Rewe-Markt Tekin ein. Trotz eines angeborenen Chromosom-Defekts ist er seit August einer von zwei Leitern der Molkerei-Abteilung.
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Leonardo Stiplovsek räumt Ware im Rewe-Markt Tekin ein. Trotz eines angeborenen Chromosom-Defekts ist er seit August einer von zwei Leitern der Molkerei-Abteilung.

Seit seiner Geburt leidet der Heusenstammer Leonardo Stiplovsek an einem Chromosom-Defekt. Trotz einiger Beeinträchtigungen im Alltag ist der 24-Jährige heute Abteilungsleiter in einem Rewe-Markt.

Heusenstamm – Leonardo Stiplovsek begrüßt die Kunden im Rewe-Markt am Lindenbaum in Heusenstamm mit einem Lächeln, hilft ihnen, die gewünschten Produkte zu finden, sortiert Ware ein oder bestellt fehlende nach. Ganz normaler Alltag in einem Supermarkt. Was kaum auffällt: Stiplovsek leidet am De-Grouchy-Syndrom, einem angeborenen Chromosom-Defekt. Nicht nur die Mutation, bei der Stücke des langen oder kurzen Arms des 18. Chromosoms fehlen und die, wie bei ihm, eine leichte Intelligenzminderung zur Folge haben kann, beeinträchtigt Stipnovseks Alltag. Auch sich zu artikulieren fällt ihm schwer: „Als Kind konnte ich überhaupt nicht sprechen.“ Noch heute muss er manche Worte wiederholen, damit man sie versteht.

Das mindert die Lebensfreude des Heusenstammers aber keineswegs. „Er kommt jeden Morgen mit einem Lachen zur Arbeit“, berichtet Markt-Inhaber Sedat Tekin. Vor drei Jahren hat der selbstständige Kaufmann Stiplovsek eingestellt, führt ihn durch die verschiedenen Bereiche seines Ladens. Und Stiplovsek überzeugt: Ob als Bürokraft oder Mitarbeiter in den einzelnen Abteilungen, der heute 24-Jährige sei immer zuverlässig, betont Tekin. Am liebsten kontrolliert Stiplovsek Waren auf ihr Mindesthaltbarkeitsdatum. Das habe er als Kind schon immer gemacht, sagt er.

Seine ersten Schritte im Einzelhandel macht Stiplovsek bereits in der Förderschule, absolviert im Obertshausener Cap-Markt ein Praktikum. Nach seinem Abschluss durchläuft Stiplovsek das Eingangsverfahren und den Berufsbildungsbereich in den Werkstätten Hainbachtal, mit denen auch Rewe-Leiter Sedat Tekin zusammenarbeitet. Er lädt Stiplovsek zu einem dreiwöchigen Praktikum ein, danach steht für Tekin fest: Er soll bleiben. 2017 beginnt Stiplovsek ein Betriebsintegriertes Beschäftigungsverhältnis, das von den Werkstätten begleitet wird. Eine Rückkehr nach Hainbachtal oder in einen anderen Beruf zu wechseln kann sich der 24-Jährige nicht mehr vorstellen: „Ich liebe meinen Job.“

Die Kollegen schätzen an ihm nicht nur seinen Eifer, vor allen sein offener und fröhlicher Charakter sei ansteckend, betont Heike Richardson, Leiterin der Molkerei-Abteilung: „Wir sind alle sehr froh, dass er bei uns arbeitet.“ Auch wenn Stiplovsek an manchen Tagen viel rede und sie ab und an Geduld mit ihm brauche, missen möchte Richardson ihren Kollegen nicht: „Wenn er nicht da ist, dann fehlt er uns.“

Auch die Kunden kommen mit Stiplovseks Gemüt gut zurecht, hat Inhaber Tekin beobachtet: „Ich bekomme mindestens einmal in der Woche ein positives Feedback.“ Daher hat er sich entschieden, Stiplovsek langfristig an sein Geschäft zu binden. Im August stellte Tekin ihn fest an – und zwar unbefristet. Zusammen mit Kollegin Heike Richardson leitet dieser nun die Molkerei-Abteilung. Für den Marktleiter war die Übernahme eine Herzensangelegenheit: „Es ist ein gutes Gefühl, jemandem wie ihm eine Chance geben zu können.“

Unterstützt wird Tekin dabei vom Landeswohlfahrtsverband Hessen, der einen Teil der Lohnkosten übernimmt. Die zuständige Sachbearbeiterin Manuela Hassenzahl freut sich für Stiplovsek: „Er hat alle Fähigkeiten, um diese Arbeit zu machen.“ Zudem sei schön zu sehen, dass auch Menschen mit Handicap in den Arbeitsmarkt integriert werden, denn auch sie „wollen als Menschen wahrgenommen werden“. (Von Joshua Bär)

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