Fällen für die Sicherheit

Bürger kritisieren Waldarbeiten: Forstamt begründet die Aktivitäten

Südlich des Hofguts Patershausen (
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Südlich des Hofguts Patershausen (

Die Natur erwacht aus ihrem Winterschlaf. Grüne Knospen zeigen sich an den Ästen von Sträuchern und Bäumen und versprechen ein grünes Blätterkleid. Wer jedoch zwischen Rodgau und Rembrücken durch den Wald spaziert, der sieht nicht viel von diesem Frühlingsidyll.

Heusenstamm – Dass es seit geraumer Zeit nicht gut um den Wald steht, ist kein Geheimnis und mit bloßem Auge gut erkennbar: Der Baumbestand ist zu trocken, das Schadholz zu zahlreich und der Bestand teilweise vom Borkenkäfer zerfurcht oder vom Diplodia-Pilz befallen. Nach drei zu trockenen Sommern und dem Sturm im August 2019 ist der Wald geschwächt.

Schon vergangenen September baten die Freien Wähler Heusenstamm das Forstamt Langen um eine Stellungnahme (wir berichteten). Nun hat es eine weitere „kritische Waldbegehung“ gegeben, wie es Bürgermeister Halil Öztas auf Facebook zusammengefasst hat. Initiiert wurde diese Runde von Carola Seipp, eine Anwohnerin eines der betroffenen Waldstücke. Zwar hatte sie die Infoveranstaltung im vergangenen Jahr verpasst. „Wenn man hier im Wald spazieren geht, sieht man aber, dass etwas nicht stimmt“, erzählt sie. Sie erinnere sich noch gut daran, wie der Wald in ihrer Kindheit aussah. Als sie in den vergangenen Wochen immer mehr laute Motorengeräusche aus dem Stück vernommen hat, wurde sie stutzig. Sie erläutert: „Der geschädigte Wald hat in meinen Augen nicht mit diesen Erntearbeiten zusammengepasst.“ Nach kurzem Umhören bemerkte Carola Seipp, dass sie mit diesem Gedanken nicht allein war.

BI empfindet die Baumfällungen als nicht nötig

Eine Interessensgemeinschaft hat sich schnell gebildet. Um sich ein Bild von der Situation zu machen, engagierte Carola Seipp den Forstwissenschaftler Martin Bertram und lud zu eben jener Waldbegehung Ende März ein. „Wir hatten rund 40 Interessenten, aber die konnten wegen Corona leider nicht alle dabei sein“, berichtet Carola Seipp und fühlt sich darin bestätigt, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit verdient.

Die Kritikpunkte der IG und die Ergebnisse der Begehung fasst sie folgendermaßen zusammen: Die Holzpflegearbeiten seien in diesem Maße nicht nötig. Da seien große Harvester im Einsatz, die die umstehenden, gesunden Bäume schädigen und den Waldboden durch ihr massives Gewicht verdichten. Die Rückegassen, die dazu dienen, das geschlagene Holz aus dem Wald zu holen, seien zu nah beieinander. „Außerdem ist der Holzpreis gerade so niedrig – da fragen wir uns, ob sich die Kosten für die Kommune überhaupt decken“, ergänzt Seipp. Zudem geschehe das alles während der Brut- und Setzzeit, die in der Schlossstadt Hundehaltern schon ab dem 15. Februar verbietet, ihre Vierbeiner ohne Leine laufen zu lassen.

Forstamtsleiter: „Es steht die Sicherheit im Vordergrund.“

„Ich verstehe, dass die Harvester mit den großen Reifen und den lauten Geräuschen erstmal für Unmut sorgen“, räumt Michael Kobras ein. Auf Anfrage unserer Zeitung klärt der zuständige Revierleiter des Forstamts Langen das Vorgehen im Wald zwischen Rodgau und Rembrücken. Auch wenn es nicht den Anschein erweckt, werden alle Vorgaben zu den Abständen, die zwischen Rückegassen herrschen müssen, eingehalten.

Auch Forstamtsleiter Melvin Mika betont: „Es steht die Sicherheit im Vordergrund.“ Es sei gefährliche Arbeit, unter toten Bäumen zu arbeiten. Nach den Trockenperioden und dem Sturm liegt derzeit deutlich mehr Schadholz als unter normalen Umständen im Wald. „Zunächst wollen wir die Sicherheit der Waldbesucher gewährleisten und dann geht es darum, Platz für die Wiederaufforstung zu schaffen“, betont der Forstamtsleiter weiter. Und der Revierleiter klärt auf: „Auch wenn sie nicht so aussehen, arbeiten die Maschinen bestandsschonend.“ Mit den Geräten sei es möglich, einen Baum in seiner Fallrichtung viel genauer zu beeinflussen.

Zukunft der Interessengemeinschafts ist noch nicht geklärt

Warum der Wald „so schnell“ aufgeräumt wird, beantwortet Melvin Mika: „Die Alternative wäre, die Wege zu sperren – denn sie sind durch das Schadholz nicht sicher.“ Er bestätigt zwar den niedrigen Holzpreis, versichert daneben jedoch, dass die arbeiten „definitiv kostendeckend sind“. Der Eindruck, das gesamte Schadholz werde entfernt, sei jedoch nicht richtig. „Das, was am Boden liegt, lassen wir dort.“ Dass die Rückegassen unter dem Gewicht verdichtet würden, bestätigt Revierleiter Michael Kobras: „Dennoch arbeiten wir auch dabei möglichst schonend. Mit dem Reisig umgeschlagener Bäume ‚polstern‘ wir den Weg, damit die Maschinen nicht direkt auf dem Waldboden fahren.“ Die großen Reifenspuren geben dabei ebenso ein falsches Bild ab: Gerade weil die Räder ein so großes Profil haben, werde das Gewicht der schweren Fahrzeuge besser verteilt.

Was aus der Interessensgemeinschaft entsteht, davon will sich Carola Seipp überraschen lassen. Vielleicht ein Verein, vielleicht eine Petition. Fest steht: Das Thema wird die Gemüter auf beiden Seiten weiter bewegen. „Wir haben jetzt schon einen Wassermangel“, betont Michael Kobras, auch wenn es das derzeitige Wetter nicht vermuten lässt. Es gelte, neue, klimastabile Bäume zu pflanzen. Carola Seipp will indes das Thema ins Stadtparlament bringen. „Wir wollen bei dem, was in unserem Wald passiert, mitreden“, sagt sie und schlägt eine Nutzungsordnung als möglichen Lösungsansatz vor. (Von Lisa Schmedemann)

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