Begegnungen bei Kerzenschein

„Eine Nacht in der Kirche“ lässt Besucher besinnlich staunen

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Blaue Besinnlichkeit, Musik, Gesang. Und Bibeltexte, die unerschrocken Geistlichkeit versprühen: Die Künstler der „Nacht in der Kirche“ überzeugten.

Heusenstamm - Wer die Bibel nicht kennt, wird am Entschlüsseln unserer Kultur verzweifeln. Das sagt Pfarrer Martin Weber zur Eröffnung von „Eine Nacht in der Kirche“. Von Eva-Maria Lill 

Nach vier Stunden Wort und Musik verstehen die Besucher sicherlich, wieso Kunst noch immer mit der schärfsten Stimme spricht. Töne spülen die Stille hohl, blaues Licht leckt über Marmorsäulen. Höher, bis zu Deckengemälden. Irgendwo darüber der Himmel, nachtdunkel und ein bisschen kalt. Der erste Klang bebt, die Orgel singt Erhabenheit, Kerzen zucken über Gesichter, flammenrot. Mit Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ eröffnete Organist Detlef Steffenhagen am Samstagabend die „Nacht in der Kirche“. Etwa 80 Besucher hatten den Weg nach St. Cäcilia gefunden, saßen nachdenklich, warteten. Vor sich Kerzen, ein Liedblatt, den düsterblauen Altar.

Der Heimat- und Geschichtsverein sowie der Verein Literatur und Kunst am Torbau hatten mit Unterstützung vom Förderverein Balthasar Neumann vier Stunden dicht mit musikalischer Poesie und heiligem Wort bepackt. Genug Zeit fürs Innehalten, Zwischenlauschen. Für unaufdringliches Wiederentdecken und Neulernen von Sprachmacht, von Melodie. „Die Bibel ist voll von großartigen Erzählungen“, sagte Dr. Roland Krebs, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins. Und nach dieser berauschend kunstgewaltigen Nacht zweifelt daran vermutlich niemand mehr.

Ein Abend in vier Kapiteln, angenehme 45-Minuten-Happen lang. Zwischendrin Wein und Stärkung vom Kirchvorplatz-Italiener „Da Salvatore“. Das poetische Herz der Kirchennacht schlägt in Bibeltexten, ausgewählt und vorgetragen vom Heimatlosen Gedichtsverein. OP-Redakteurin Claudia Bechthold, Dr. Roland Krebs, Dieter Eckart, Rudolf Fauerbach und Markus Rueckert lesen aus Genesis, Prediger, Psalmen und Neuem Testament. Pfarrer Sven Sabary ergänzt auf Hebräisch und Griechisch.

Und immer wieder Musik, die den Texten einen neuen Nachklang schenkt. Ganz deutlich bei „Alles hat seine Zeit“ und „Turn! Turn! Turn!“ von der Avantgarde-Band The Byrds. Klavierkönner Steffenhagen – für die musikalische Leitung zuständig – und Sängerin Nicole Grundel geben nicht nur diesem Titel glockenklare Konzertqualität. Selbst bei Schmuseschnulzen wie „You Raise Me Up“ und dem Beatles-Klassiker „Let It Be“ geht die Verknüpfung von Musik und Bibel auf.

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Auch die Evangelische Kantorei unter Leitung von Dorothea Baumann überzeugt mit „ Der Herr ist mein Hirte“ und „Jauchzet dem Herrn“. Die Auftritte von Simeon und Victoria Esper schließlich gehen tief, reißen Schaudern unter die Haut. Die Sopranistin und der Tenor der Semperoper Dresden zaubern „The Rose“ von Amanda McBroom oder Leonard Cohens „Halleluja“ in die Cäcilia-Besonnenheit.

Das gänsehautbehaftete Gruppenjauchzen von „Großer Gott, wir loben Dich“ setzt den Schlusspunkt hinter einen stimmungsvollen Abend. Am Ende ist es aber doch die Stille, sind es Worte, die in die Nacht nach draußen klingen. „Siehe, ich mache alles neu“ hallt sekundenlang. Donnert zwischen Schweigen, Zweifel, jedes Licht. Und nimmt alles mit, was übrig bleibt.

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