90 Jahre Familiengeschichte

Monika Heberer leitet ihr Haarstübchen in dritter Generation

In dritter Generation leitet Monika Heberer den Friseursalon, den ihr Großvater vor 90 Jahren eröffnete. Ausgebildet wurde sie von Vater Karl Heberer, der das Geschäft an der Patershäuser Straße an seine Tochter weitergab.
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In dritter Generation leitet Monika Heberer den Friseursalon, den ihr Großvater vor 90 Jahren eröffnete. Ausgebildet wurde sie von Vater Karl Heberer, der das Geschäft an der Patershäuser Straße an seine Tochter weitergab.

Blau ist Monika Heberers Farbe. In den Fächern und auf der durchgehenden Ablage liegen gefaltete Frotteetücher in himmel- und stahlblau.

Heusenstamm – Selbst der Rahmen des Handspiegels und die Abdeckung der Trockner prägen ein kräftiges Marine-blau. Die tiefen Becken sind in rötliches Kirschholz gesetzt, Pflanzen verstärken das Wohlfühlklima im Salon: Kaum zu glauben, dass Monikas Frisörstübchen an der Patershäuser Straße schon seit 90 Jahren am selben Platz residiert.

Zumindest fast: Der Großvater der heutigen Inhaberin, Friedrich Heberer, gründete das mittlerweile älteste Frisörgeschäft in der Schlossstadt in einer Dachstube seines Elternhauses. Er hatte zwar Sattler gelernt, doch ein Unteroffizier wendete während des Ersten Weltkriegs das Blatt: Der Vorgesetzte ertappte den Heusenstammer beim Rasieren mit einem Messer. Fortan musste er der Führungsriege Kinn und Wangen glätten.

„Die Behandelten überlebten seine Rasierkünste“, erzählt Heberers Sohn Karl. So entschied sich der Vater nach seiner Rückkehr angesichts hoher Arbeitslosigkeit, zu Schere und Schaum zu greifen. Er testete sein Talent an den Köpfen von Verwandten und Bekannten und fuhr mit dem Zug nach Frankfurt. Dort ließ er sich selbst die Haare schneiden, um von den Profis zu lernen.

„Auf dem Land“, erläutert die Chefin im modernen Salon im Hinterhof, „da bekam der Kunde ein Gummiband über die Stirn. Alles, was darunter hervorschaute, wurde mit der Handhaarschneidemaschine entfernt“. Anschließend haben sie noch mit Effilierschere und Kamm einen Fassonschnitt kreiert. Bei Heberers gab’s dazu noch was auf die Ohren, wer wollte, bekam per Kopfhörer Musik aufgespielt. Bei den Damen war damals das Ondulieren mit der heißen Lockenschere angesagt. Ehefrau Charlotte half daneben beim Einseifen der Kunden.

1930 zog das Geschäft von der Dachwohnung in einen Anbau im Hof, der bis heute den Salon beherbergt. Ein Jahr später wurde Karl Heberer geboren, 1935 dessen Schwester Berta. Beide traten in die Fußstapfen des Vaters und lernten das Frisör-Handwerk von der Pike auf. „Samstags werden keine Haare geschnitten“, verkündete ein Schild am Eingang. Am Wochenende wurde nur rasiert. Ganz schlaue Kunden, erzählt Monika Heberer, ließen sich samstags nur in eine Richtung rasieren und kamen am Sonntag zum Schneiden „gegen den Strich“, zahlten aber nur einmal. Und schon damals war der Salon der Ort, um Tratsch und Klatsch auszutauschen. Um die Wartezeit zu verkürzen, bot man zudem Zigaretten im Dreierpack an.

Wegen einer kritischen Äußerung zum Ausgang des Kriegs saß Großvater Friedrich 1940 in „Schutzhaft“. Hertha Victora, Anwältin des Grafen von Schönborn, holte ihn wieder raus. Der damalige Haftbefehl hängt heute gerahmt im Laden. Gemeinsam mit seiner Frau Maria bildete Karl Heberer im Laufe der Jahre zahlreiche Friseure aus. Zu ihnen zählt auch ihre Tochter Monika. Seit 1989 ist sie selbst Meisterin. „Herren lassen heute öfter schneiden, Damen oft nur die Spitzen“, sagt sie. Auch Strähnen und Farbe erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. (Von Michael Prochnow)

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