Haus der Stadtgeschichte

Ein Goethe für den Garten

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Gespendet von Dr. Rolf Bollinger und Dieter Eckart (v.l.) wacht der enzianblaue Goethe über das kreative Geschehen im Haus der Stadtgeschichte.

Heusenstamm - Es begab sich zu der Zeit, als Goethe auf Dichterreise in Heusenstamm weilte. Zwischen literarischen Diskussionen gönnte er sich am Haus der Stadtgeschichte eine wohlverdiente Wanderpause. Von Eva-Maria Lill 

Der Volksmund munkelt, dass er mit vornehm gerafftem Mantel im Garten Platz nahm und der Lyriklesung des Heimatlosen Gedichtvereins lauschte. Manche behaupten sogar, er habe sich bei seinen späteren Werken unterschwellig von der inbrünstigem Vortragsweise inspirieren lassen.  Wenig Wahrheit, ziemlich viel Dichtung: „Die Beziehung zwischen Goethe und Heusenstamm wurde von der Forschung jahrzehntelang sträflich übersehen“, schmunzelt Dr. Rolf Bollinger, „das mag vielleicht daran liegen, dass es diese Beziehung nie gegeben hat.“ So sehr es sich die Kulturverantwortlichen der Schlossstadt auch wünschen, ein Händeschütteln zwischen Johann Wolfgang und Jakoby wird niemals mehr als reines Wunschdenken sein. Zwar erwähnt das Frankfurter Genie die Schlossstadt in „Dichtung und Wahrheit“, über bloßen Anekdotencharakter geht das Wissen Goethes allerdings nicht hinaus.

Als kleinen Trost gibt es seit vorgestern einen Goethe für den Garten: Etwas mehr als einen Meter groß und aus enzianblauem Plastik. Gestiftet von Dr. Bollinger und Dieter Eckart wacht die Statue nun über das Haus der Stadtgeschichte. Als literarisches Begrüßungskomitee dient am Montagnachmittag der Heimatlose Gedichtverein. Sicherlich fühlt sich der Dichterfürst sofort wie Daheim: Dr. Roland Krebs, Rudolf Fauerbach, Dieter Eckart und Markus Rueckert zitieren für solch einen Anlass aus ausgewählten Goethe-Werken. „Die Idee war, jeden seinen Lieblingstext vortragen zu lassen“, verrät Dr. Roland Krebs. Sein donnergrollender Prometheus weckt auch den letzten Besucher. Fauerbach gibt den Mephisto und unter tosendem „Das also war des Pudels Kern!“ wird die Goethe-Statue enthüllt. Besonders viel Lob erntet Markus Rueckerts nuancierte Interpretation des Erlkönigs, aber auch Dieter Eckart und Claudia Bechthold überzeugen mit „Ginkgo Biloba“ und „Lesebuch“ aus dem West-Östlichen Divan. Einen Überraschungsgast gibt es auch: Winfried B. Sahm zitiert „Hegire“.

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Bürgermeister Peter Jakoby zeigt sich begeistert: „Anfangs war unser Plan sowieso, aus dem Gelände am Haus der Stadtgeschichte einen Skulpturengarten zu machen. Jetzt ist der erste Schritt getan.“ 350 Euro kostet die blaue Statue, eine lohnenswerte Investition für kulturhungrige Heusenstammer. „Möge Goethe wohlwollend und inspirierend auf das Haus der Stadtgeschichte schauen“, wünscht der ehemalige FDP-Fraktionsvorsitzende Bollinger. Ein weiter Weg, den der Mini-Goethe zurückgelegt hat. Bis Ende Juni stand er noch auf der anderen Mainseite. Anlässlich des 100. Geburtstags der Frankfurter Goethe-Universität installierte Konzeptkünstler Ottmar Hörl 400 bunte Plastik-Statuen auf der Wiese am Campus Westend. Purpurrot, Honiggelb, Türkisgrün und Enzianblau tummelten sich die Dichterzwerge auf dem Rasen: „Die vier Farben entsprechen den Gründungsfakultäten der Universität: Rot für Medizin, Gelb für Naturwissenschaft, Grün für Wirtschaft und Blau für Philosophie“, erklärt Ottmar Hörl.

Nur nachvollziehbar, dass sich Bollinger und Eckart für die blaue Variante entschieden. Ob die inspirierenden Schwingungen des Plastik-Poeten tatsächlich kreative Wirkung zeigen, können Interessierte bei der nächsten Lesung des Heimatlosen Gedichtsvereins bewerten. Am 10. September um 19 Uhr beschäftigt sich die Untergruppe des Heimat- und Geschichtsvereins im Haus der Stadtgeschichte mit Texten zum Thema „100 Jahre Ausbruch des Ersten Weltkrieges“.

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