Zeugnis der früheren Pracht

Brigitte Römpp schenkt Heimat- und Geschichtsverein einen Biedermeier-Schrank

Brigitte Römpp vor dem Schrank, den sie jetzt Heusenstamms Geschichtsverein geschenkt hat.
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Brigitte Römpp vor dem Schrank, den sie jetzt Heusenstamms Geschichtsverein geschenkt hat.

Nach fast 70 Jahren ist jetzt ein Schrank nach Heusenstamm zurückgekehrt, der lange Zeit im Herrenhaus des Hofguts Patershausen gestanden hat. Es ist ein sogenannter Aufsatzschrank aus dem Biedermeier. Zu verdanken ist diese Rückkehr Brigitte Römpp, die heute im Allgäu in der Nähe von Kempten lebt.

Heusenstamm – Brigitte Römpp, geborene Elbrecht, ist die Enkelin von Olga und Wilhelm Fritsch. Ihre Mutter war die Tochter jenes Ehepaars, das das Hofgut von 1908 bis 1945 gepachtet und bewirtschaftet hatte. Auch Brigitte Römpp wurde – kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs – in Patershausen geboren und lebte bis 1951 mit ihren Eltern dort. Der Schrank hat sie ein Leben lang begleitet. Deshalb war es ihr wichtig, dass er nun, da sie sich räumlich verkleinern wollte, einen würdigen Platz in seiner „alten Heimat“ erhält.

Über das Internet stieß die Patershausenerin auf den Heimat- und Geschichtsverein und schrieb an dessen Vorsitzenden Dr. Roland Krebs, der sofort begeistert war von diesem Angebot. „Ich habe Brigitte Römpp sofort zugesagt“, berichtet dieser. Den Transport des wertvollen Möbelstücks organisierte die Heusenstammer Spedition Duwensee, sodass der Schrank inzwischen im Haus der Stadtgeschichte angekommen ist. „Es ist das einzige Möbelstück, das uns heute von der ehemaligen Pracht erzählt, die das Hofgut einst hatte“, sagt Roland Krebs.

Im Garten des Hofguts ließ sich Olga Fritsch einst mit ihrem Sohn fotografieren. (Archiv)

Es muss tatsächlich eine große Pracht gewesen sein, von der das Hofgut bestimmt war. Wilhelm Fritsch kam aus einer Frankfurter Familie, die dem Großbürgertum zuzurechnen war. Nach den Angaben von Brigitte Römpp besaß die Familie nicht nur große Ländereien in Frankfurt-Bonames, sondern auch ein Haus am Palmengarten und weitere Immobilien.

Heusenstamm: Wilhelm Fritsch wollte biologisch geführte Landwirtschaft in Patershausen verwirklichen

Nach den Berichten von Elfrune Prechtl, deren „Erinnerungen an Patershausen“ 2002 in der Reihe „Heusenstammer Hefte“ erschienen sind, stammt Wilhelm Fritsch aus Bonames. Nach dem Abitur dient er zunächst als Offiziersanwärter in Babenhausen, beendet diese Ausbildung aber vorzeitig und geht als Volontär des Agrarwesens nach Thüringen. Interessant ist, dass sich Wilhelm Fritsch schon damals für eine biologisch geführte Landwirtschaft begeistert hat, die von den Gruppen „Eden“ und „Demeter“ ausging, und diese auch in Patershausen verwirklichen wollte. Das Siegel des Bio-Anbauverbands Demeter trägt Patershausen auch heute unter dem Pächter Klaus Ommert.

In Thüringen lernte Fritsch Olga Friebel kennen, das Paar heiratete. 1909 wird Tochter Elisabeth geboren, 1912 folgt Sohn Wilhelm. Ein Kindermädchen, zwei Hausmädchen, eine Köchin und eine Haushälterin zählen damals zum Personal der jungen Familie, die im einst unter der Ägide von Gräfin Maria Theresia von Schönborn errichteten Herrenhaus des ehemaligen Klosters lebt. Wilhelm Fritsch starb 1945, Olga Fritsch 1949. Beide wurden in Patershausen begraben.

Von 1908 bis 1945 war Wilhelm Fritsch Pächter in Patershausen. Das Bild mit ihm, seiner Frau und den Kindern entstand vermutlich zu Beginn des Ersten Weltkriegs.

Brigitte Römpp hat sich später der Suche nach dem Bruder ihrer Mutter, Wilhelm Fritsch, gewidmet. Er war im Zweiten Weltkrieg in Weißrussland gefallen. Unter dem Titel „Der Schrei des Kranichs – Ein Grab in Weißrussland“ hat sie ein Buch veröffentlicht, das vor allem auf Tagebuch-Aufzeichnungen eines Kameraden des Onkels basiert und dessen schreckliche Erlebnisse während des Krieges schildert. Es ist ihr ein Anliegen, dass auch nachfolgende Generationen erfahren, wie grausam dieser Krieg war.

Aus ihrer Suche nach dem Grab des Onkels in Weißrussland erwuchs Brigitte Römpps Engagement für Kinder in der Region um Tschernobyl nach der Katastrophe in dem ukrainischen Atomkraftwerk im Jahr 1986. Dafür wurde die Patershausenerin mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. (Claudia Bechthold)

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