Strom kam auch nach Rembrücken

Vor 100 Jahren ging in Heusenstamm das Licht an 

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Vor 100 Jahren geht in Heusenstamm das Licht an.

Eine Steckdose, eine Lampe und einen Schalter erhielten vor hundert Jahren all jene Heusenstammer und Rembrücker, die einen Anschluss ans Stromnetz wünschten. Wer mehr wollte, musste dies zusätzlich bezahlen.

Heusenstamm – Genau hundert Jahre ist es am Freitag, 5. April, her, dass der Schlossstadt und deren Nachbar ein Licht aufging.

In Gang geraten war die Elektrifizierung des Rhein-Main-Gebiets, wie Wolfgang Scheer vom Heimat- und Geschichtsverein zu berichten weiß, schon im Jahr 1891 mit der Internationalen Elektrischen Ausstellung 1891 in Frankfurt am Main. Damals hatte man die erste elektrische Energieübertragung mit 15 000 Volt Drehstrom zwischen Lauffen am Neckar und Frankfurt über 175 Kilometer in Betrieb genommen.

Dennoch ging der Ausbau des Stromnetzes zunächst nur sehr langsam voran. Immerhin sah sich Kaiser Wilhelm II. schon am 9. April 1900 genötigt, ein „Gesetz zur Bestrafung von Stromdiebstahl“ zu erlassen.

Erst im Februar 1912 kündigte das Großherzogliche Kreisamt Offenbach einen Erhebungsbogen zur Ermittlung des zu erwarteten Konsums an elektrischem Strom in Heusenstamm an. Die Auswertung ergab unter anderem, dass es 2800 Einwohner, 550 Haushaltungen und 17 Gastwirtschaften gab in der Schlossstadt. Der erste Strom aber floss in Heusenstamm und dem damals noch selbstständigen Rembrücken eben erst am 5. April 1919. Genutzt wurde er übrigens zunächst für Licht.

Die meisten Stromanschlüsse verzeichnete man erstaunlicher Weise zunächst in der Kirchstraße mit 67 Haushalten. In der Frankfurter Straße bezogen nur zehn Häuser Strom. Fünf Jahre später, 1924, waren bereits 309 Haushalte und 21 Firmen an das Netz der „Überland-Anlage Offenbach am Main“ angeschlossen. Im kleinen Dorf Rembrücken dienten damals sechs Glühbirnen mit je 60 Watt Leuchtstärke als Ortsbeleuchtung.

Schriftliche Angebote zur Errichtung einer „Städtischen Elektrischen Zentrale“ klingen heutzutage wie ein alter Roman und bringen die Zuhörer zum Schmunzeln: „An den hochwohllöblichen Magistrat der Stadt Heusenstamm“ ist ein solches Schreiben gerichtet, das mit dem Satz endet: „Ihrer sehr geschätzten Rückäußerung mit Vergnügen entgegensehend, empfehlen wir uns Ihnen.“

Die Gemeinde Rembrücken hatte, wie das Bürgerforum des Stadtteils erinnert, am 6. September 1913 einen Konzessionsvertrag mit dem Elektrizitätswerk der Stadt Offenbach zwecks der Belieferung mit elektrischer Energie geschlossen. Geplant war, einen Abzweig von einer 20 000-Volt-Leitung von Offenbach nach Seligenstadt zu errichten, die am Rande Rembrückens vorbeiführte. Wegen Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden die Arbeiten allerdings zunächst eingestellt.

Im Jahr 1917 nahm man diese wieder auf. An der Heusenstammer Straße errichtete man eine „Turm-Trafostation“, zu der mit Hilfe einiger Masten die Verbindung zu der Fernleitung hergestellt werden konnte. Von dieser Station wurde der Strom über sogenannte Dachreiter verteilt. Noch heute erinnert das kleine Grundstück in der Heusenstammer Straße 5 mit einem Nussbaum an den Standort der Trafostation.

Die Leitungen wurden wegen des Materialmangels im Krieg zunächst nur mit Eisendrähten ausgeführt, erst im Laufe der zwanziger Jahre erfolgte die Auswechslung mit Kupferleitungen. Die Eisendrähte hatten die Eigenschaft, sich bei starker Belastung bis zur Rotglut zu erhitzen – die Menschen damals nahmen dieses Glühen allerdings mit Gelassenheit hin. Und die Straßenbeleuchtung musste in den ersten Jahren noch vom Nachtwächter des Ortes per Hand ein- und ausgeschaltet werden.

Als der Ort nach dem Zweiten Weltkrieg größer wurde, baute man hinter der Alten Schule eine neue Trafostation, die Turmstation sowie die Freileitungen verschwanden.

Heute wird Rembrücken einmal vom Umspannwerk Heusenstamm, aber auch von Obertshausen aus über Kabel mit Strom versorgt. Lediglich über die landwirtschaftliche Fläche bei der Hühnerfarm führt noch immer eine Freileitung. (clb)

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