Steffen B. sitzt seit drei Jahren in Haft

Seniorin in Heusenstamm brutal überfallen: Mann beteuert seine Unschuld

+
Gefängniszelle ist eher trist (Symbolbild)

Wegen versuchten Totschlags an der damals 70-jährigen Karin K. wurde Steffen B. am 5. März 2015 zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Er beteuert seine Unschuld.

Heusenstamm – Die Seniorin war im Oktober 2012 in ihrer Heusenstammer Wohnung von einem Einbrecher brutal zusammen geschlagen und beraubt worden. Nach wenigen Wochen hatten sich die Ermittlungsbehörden auf den bis dato gesetzestreu lebenden Familienvater B. als Täter festgelegt. Einige Indizien, aber keine wirklichen Beweise prägten den Prozess vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Darmstadt.

Mann beteuert seine Unschuld

Seit seiner ersten Vernehmung beteuert der Industrieschlosser seine Unschuld. Doch trotz etlicher Mängel in der Beweisführung wurde B. verurteilt. Nach Ablehnung der Revision musste er an seinem 50. Geburtstag, dem 17. Mai 2016, die Haft antreten. B. sitzt im fensterlosen Besucherraum der JVA Weiterstadt. Er sieht schlecht aus. Tiefe Augenringe bekunden Übernächtigung. Der traurige Gesichtsausdruck ändert sich nur kurz, als er Frau und Tochter in die Arme schließen kann. Dreimal im Monat ist eine Stunde Zeit mit den Angehörigen erlaubt, plus 150 Minuten kostenpflichtiges Sprechen am Gefängnis-Telefon. Außerdem wird viermal im Jahr je ein Drei-Stunden-Besuch genehmigt. Fünf Tische und das Pult des Wachtmeisters stehen dicht an dicht, der Lärmpegel ist entsprechend.

Woher kommt der chronische Schlafmangel? „Es ist sehr unruhig nachts. Manche Häftlinge unterhalten sich durch die Wände von Zelle zu Zelle. Das Bett ist hart und unbequem. Und natürlich rotieren die Gedanken.“ Tagsüber zu schlafen sei nur mal am Wochenende möglich, da er täglich acht Stunden arbeite. Gott sei Dank, denn so habe er wenigstens eine Beschäftigung. Die dürfen Häftlinge immer ein Jahr ausführen, dann muss die Art der Tätigkeit wechseln. B. war im ersten Jahr Hausarbeiter in seiner Station, das bedeutet Putzen, Essensausgabe und ähnliches. Danach durfte der Handwerker in die Haustechnik, war für Heizung und Sanitär zuständig. „Dort hätten sie mich am liebsten behalten, um drei Monate wurde schon verlängert“, erzählt er. Aber er musste zehn Monate auf der Krankenstation arbeiten. Inzwischen sei er zurück in der Haustechnik, wo er über das übliche Maß hinaus tätig ist: „Die haben dort großes Vertrauen in mich.“ Für den Anstalts-Job bekommt er rund 350 Euro im Monat.

Trister Gefängnisalltag

Ansonsten sieht der Gefängnisalltag eher trist aus. Die Einzelzelle misst sieben Quadratmeter mit Bett, Schrank, Tisch, WC und Kühlschrank. Immerhin zwei Fenster mit Vorhängen. Jeden Morgen um sechs Uhr ist „Lebendkontrolle“. „Da wird die Tür aufgemacht und auf Antwort gewartet“, erläutert B. das Ritual. Zweimal in der Woche mache er Sport. Die quälende Langeweile am Samstag und Sonntag sei das Schlimmste.

Führung und Sozialprognose sind top, wie sieht es da mit vorzeitiger Entlassung oder offenem Vollzug aus? Grundlage dafür ist der jährliche Vollzugsplan, in dem sämtliche Informationen über B. dokumentiert werden. Aus dem Plan von 2018: „Herr B. leugnet nach wie vor die Tat. Eine therapeutische Aufarbeitung der Tat gestaltet sich mithin schwierig.“ Ohne die Bearbeitung der Tat, die Stärkung seiner Problemlösefähigkeit und die Förderung eines an Konsequenzen orientierten Handelns könne eine Befürwortung zur bedingten Entlassung nicht gegeben werden. Das „fehlende Geständnis“ stellt also ein erhebliches Hindernis für die Vollzugsöffnung dar. „Der JVA-Gutachter und ein externer psychologischer Gutachter müssen positiv entscheiden, sonst geht nichts“, weiß B. Sein Rechtsanwalt Frank Peter beantrage demnächst die Entlassung nach Halbstrafe. Die Chancen sind allerdings gering, sie liegen in Hessen bei ein bis zwei Prozent.

Wie geht es Frau und Tochter mit der Situation? Claudia B.: „Am Anfang war es sehr schwierig. Jeder für sich musste einen Weg finden, damit umzugehen. Auch finanziell mussten wir das erstmal verkraften, da ein Gehalt weg fiel.“ B. arbeitete nach dem Urteil noch ein Jahr als selbstständiger Monteur für Hausvorbauten, in der Zeit zog die Familie in eine günstigere Wohnung. Im August 2016 wurde der Antrag auf ein Wiederaufnahmeverfahren beim Landgericht Kassel eingereicht. Eine Entscheidung steht bis heute aus. Die Stellungnahme Peters: „Ich habe zwar noch nie erlebt, dass das so lange dauert. Doch ich sehe das eher positiv. Die Dauer zeigt, dass der Fall B. alles andere als geklärt ist.“

Verurteilt nach Indizien – die Beweise fehlen

Indizien, aber keine echten Beweise sprachen im Prozess gegen B. Dazu kamen Merkwürdigkeiten in der Ermittlungsarbeit, die bis heute nicht aufgeklärt sind. Ein Auszug:In der Nähe des Opfers fand sich ein Schraubendreher mit DNA-Anhaftungen von B. Dieser war aber nicht die Tatwaffe. B. erklärte plausibel, dass er das Werkzeug bei Reparaturarbeiten vier Wochen zuvor in der Wohnung vergessen hatte. Ein Kabelbinder mit Blutanhaftungen wies dagegen keine DNA B.s auf. . Ein Fußabdruck im Blut wurde eindeutig dem Täter zugeordnet. B. ließ freiwillig beim LKA Abdrücke in Schweineblut mit den gleichen Sportschuhen nehmen. Diese stimmten nicht überein. 

Im Auto von B. wurden wenige Fasern gefunden, die vom Bademantel der Geschädigten stammen könnten. Falls dem so ist, könnten sie von den Reparaturarbeiten auf dem Balkon stammen, wo die Frau öfter rauchte. Dagegen fand sich keinerlei Blut in B.s Auto, obwohl das Blut während der Tat gespritzt haben muss. . Das Gericht wertete B.s Finanzlage wegen eines Renovierungskredits über 35 000 Euro als prekär. Der Kredit wurde regelmäßig bedient, beide Eheleute verfügten über ein festes Einkommen. B. hatte keine Informationen über Vermögenswerte bei K. Ihre Wohnung wirkte eher bescheiden. Diverse Dinge, die B. hätten entlasten können, sind verschwunden oder wurden nicht ausgewertet. Dazu zählt die Mobilfunkzellenauswertung und ein bei der Flucht abgebrochener Ast, dem Spuren anhaften mussten. Zwei Zeugenaussagen, die den Täter bei der Flucht und in einem Dönerimbiss beschrieben, wurden nicht weiter verfolgt.

VON SILKE GELHAUSEN

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Fall Johanna: Mörder und Vergewaltiger des Mädchens in Gefängnis attackiert

Der verurteilte Mörder und Vergewaltiger von Johanna Bohnacker ist im Gefängnis verprügelt worden. Der Fall ging nun vor Gericht.

Eine ungewöhnliche Situation vor allem für den Staatsanwalt.

Sohn brutal gequält: Mutter muss ins Gefängnis

Nach schweren Misshandlungen ihres siebenjährigen Sohnes muss eine 29 Jahre alte Mutter zweieinhalb Jahre ins Gefängnis.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare